Mit dem Namen ALLAHs, des Barmherzigen, des Allerbarmers, bismi ʾllāhi ʾr-raḥmāni ʾr-raḥīm

Kategorie: Allgemein

  • IASE Tagungsbeitrag 2000: Wie gehen die Moscheen mit dem Thema Gewalt um?

    Aus der Schatzkiste. Die Wenigsten wissen, dass die IASE seit den 1980er Jahren existiert. Wir haben alte Tagungsbeiträge ausgesucht, um sie wöchentlich hier zu posten. Viel Vergnügen beim Lesen.


    Wie gehen die Moscheen mit dem Thema Gewalt um?

    Mehmet Ünal Tosun

    Liebe Schwestern und Brüder, ich habe zwar die Ausbildung hier beim VIKZ genossen und bin seit zehn Jahren ehrenamtlich tätig, bin jedoch kein hauptamtlicher Imam. Ich habe zur Vorbereitung dieses Themas versucht, praktisch vorzugehen und sowohl Mitglieder der Gemeinden als auch Hodschas befragt.

    Wie gehen die Moscheen mit dem Thema Gewalt um?

    Ich möchte hier keine islamisch-rechtliche Begutachtung durchführen, dennoch müssen wir Islam und die Gewalt in den Familien voneinander trenne, denn der Islam unterstützt Gewalt, vor allem nicht innerhalb der Familie. Es gibt diesbezüglich einen Vers im Koran, der das Schlagen der Frau betrifft. Einige Kommentatoren sind der Ansicht, dass man die Frau ganz leicht berühren darf, andere meinen, dass hier eher ein zudringliches Einreden/Ermahnen gemeint ist.

    Gewalt in der Familie möchte ich in drei Bereiche aufteilen:

    1. Gewalt seitens des Mannes gegenüber der Frau
    2. Gewalt seitens des Mannes gegenüber den Kindern
    3. Gewalt seitens der Frau gegenüber den Kindern (und auch gegen den Mann, was es auch gibt)

    Diese Trennung sollte man schon unternehmen, obwohl in den meisten Fällen, in denen man über Gewalt in islamischen Familien spricht, der böse Mann gemeint ist, der nicht nur schlägt, sondern auch psychische Gewalt ausübt, die m.E. eine noch größere Nachwirkung im Leben der Menschen haben kann. Noch schlimmer ist physische mit psychischer Gewalt gepaart, doch das wissen Sie als Psychologen und Pädagogen sicherlich noch besser als ich.

    Beispiel: Ein ca. 17-18-jähriger jugendlicher Rollstuhlfahret kam mehrfach zu mir, da er seine Pro-bleme in seiner Moschee nicht ansprechen könne. Er berichtete schluchzend, dass er von seinem Vater das Verbot bekommen habe, nach 23 Uhr abends an der Haustür zu klopfen oder zu klingeln, da er vor dieser Zeit zuhause sein müsse. Als er nun gestern gegen 23:30 Uhr nach hause kam und klopfte, wur­de er nicht hereingelassen. Auch die Mutter durfte nichts sagen, und so habe er die Nacht draußen ver­bracht.

    Wenn es sich hier nicht um einen behinderten Jugendlichen gehandelt hätte, wäre ich nicht so bestürzt gewesen. Der Junge hat versucht, sich in einem Imbiß zu wärmen, es war im Winter 1999.

    Nach einiger Zeit fragte ich ihn, wie es gehe und bot ihm an, mich über einige Bekannte „einzumi­schen“. Täte ich es direkt, würde ich wahrscheinlich mit Verachtung und Hohn überschüttet oder wäre sogar mit Handgreiflichkeiten konfrontiert. Der Junge wollte das nicht und zog es vor, die Situation auszuhalten, bis er dann irgendwann ausziehen könne.

    Die Situation in den Moscheen 

    Nicht nur die Hodschas, sondern auch die Gemeindevorstände sehen die Gewalt in den Familien als feststehende Tatsache an. Diese Gewalt gibt es natürlich auch bei Familien, deren Väter und Ehemän­ner zum Freitagsgebet kommen. Dies gilt sowohl für die Türken als auch alle anderen ethnischen Gruppierungen. Mir wurde in den Moscheen gesagt, dass das Themas Gewalt allerdings nicht tabuisiert werde. Diese Meinung wird durchgehend vertreten, wobei hier vor dem Hintergrund eigener anderer Erfahrungen ein unterschiedliches Verständnis des Begriffes „Tabu“ zu bestehen scheint. Tabuisie­rung bedeutet nach meinem Verständnis, dass man nicht darüber spricht, sich nicht darum kümmert, dass man Initiative erst entwickelt, wenn man gefragt wird. Gewalt werde in den Moscheen nicht ta­buisiert, sondern „gemäß den Traditionen in der türkischen Kultur gehandhabt“. Ein makabres Zitat, wie ich meine. Was das bedeutet, ist je nach Auffassung ganz unterschiedlich. Dabei ist Diskretion die wichtigsten Sache. Es darf nichts herauskommen, es darf der Ruf des Ehemannes, des Vaters der Fa­milie nicht beschädigt werden. In diesem Fall, so die Auffassung, ist auch der Ruf der Frau und der ganzen Familie beschädigt, man lacht auch über sie. Das bedeutet in der Praxis, dass die Gemeindelei­tung oder der Hodscha nur dann aktiv werden, wenn der Fall an sie heran getragen wird. Und zwar durch einen der Eheleute oder die Kinder, die sagen „mischt euch ein, sonst wird es schlimm“. Wenn es jemand Außenstehender tut und sich die Gemeindeleitung dem Problem vorsichtig nähert, um viel­leicht einen versteckten Hilferuf aus der Familie wahrzunehmen und dann nichts geschieht, zieht man sich wieder zurück. In ganz akuten und schlimmen Fällen wird auch Anzeige erstattet. Hier waren sich eigentlich alle einig, mit denen ich gesprochen habe. Die ordnungspolitische Macht steht dem Staat zu, die Gemeinden können nicht einfach eingreifen und bestrafen, hierüber besteht Konsens.

    Exkurs:

    Die Moscheegemeinden in Deutschland stecken in Fragen des sozialen Zusammenlebens tatsächlich noch in den Kinderschuhen. Sie sind der Kern des religiösen Zusammenlebens der Muslime. Eine eigenständige Ausweitung der Kompetenzen auf weitere gesellschaftliche Felder (Seelsorge, Diakoni­sehe Einrichtungen etc.), so wie es christliche Kirchen mit ihren Organisationen tun, wäre eine An­gleichung der hierarchischen Strukturen der hiesigen Kirchen, eine solche Institutionalisierung wird meiner Erfahrung nach von den Gemeinden abgelehnt. Wir wollen keine Kirchenstrukturen, sondern solche, die uns ermöglichen, uns zum Gebet und zum Gespräch zu treffen usw. Spezielle seelsorgeri-sehe Strukturen gibt es zwar hier und dort, doch besonders die erste Generation steht dem skeptisch gegenüber. Die Muslime sind es eher gewohnt, in den Moscheen zu beten, Armenhäuser in Eigeni­nitiative zu errichten und gesellschaftliche Probleme nicht mit Hilfe einer kirchlich-hierarchischen Struktur zu lösen. So ist vor 150 Jahren (!) ein Altenheim in Istanbul nicht von einer Moschee oder einem Moscheeverband gegründet worden, sondern von verschiedenen engagierten Einzelpersonen. Dies ist der von vielen Muslime bevorzugte Lösungsweg. Ein Frauenhaus z.B. sollte nicht von einem Moscheeverband, sondern einem sozialen Verband, der von Muslimen betrieben wird, eingerichtet und betrieben werden.

    Gewalt herrscht vor allem in den muslimischen Familien, in denen der Bildungsgrad niedrig ist. Wei­terhin kommt sie in Familien vor, in denen die Affinität zu religiösem, rechtschaffenem Leben gering ist. Hierzu zählen vor allem das Bewußtsein, Muslim zu sein, den Islam auch über die fünf täglichen Gebete hinaus zu praktizieren und das „Brennen“ der Liebe Gottes im Herzen zu haben. Dabei müssen wir besonders für die türkischen Muslime in Deutschland feststellen, dass sehr an Beidem mangelt. Dazu ist wichtig zu wissen, dass die meisten türkischen Muslime aus ländlichen Regionen nach Deutschland gekommen sind, wo das traditionelle Mann-Frau-Kind-Verhältnis oft sehr viel stärker ist als das, was der Islam zu diesen Dingen lehrt. Ich denke, dass wir hier in Deutschland die Chance ha­ben, die Religion auf die eine und die Tradition auf die andere Seite zu stellen und dazwischen eine Mitte zu finden. Dabei möchte ich nicht Tradition und Kultur der muslimischen Familien negativ be­werten. Ich erinnere mich an eine schöne Formulierung eines Predigers in der Türkei, der sagte: „Tra­ditionen machen die Grenzen des sozialen Lebens aus.“ Dies gilt insofern, dass zwar viele Muslime nicht praktizieren, sich aber durch gewisse Traditionen wie z.B. Fasten oder das Schlachten am Op­ferfest zum Islam bekennen.

    Wie bereits erwähnt, ist man sich in den Gemeindeleitungen der Gewaltproblematik bewußt. Deswe­gen wird sie sowohl in den normalen Predigten als auch in Zweiergesprächen immer wieder zum Thema gemacht.

    So kommt vielleicht jemand zum Hodscha und berichtet über seinen Nachbarn, der jeden Tag seine Frau schlägt. Man eruiert dann gemeinsam ob es möglich ist, die Situation mit der Familie zu themati­sieren. Wenn nicht, wird es zum allgemeinen Thema in der Gemeinde gemacht, z.B. in der Freitags-predigt oder in kleineren Gesprächsrunden ohne die Person direkt anzusprechen. Noch effektiver ist es, dass man Vertrauenspersonen wie z.B. Verwandte findet, der die Familie anspricht und Lösungen sucht.

    So erinnere ich mich an einen Fall, in dem nach vielen Gerüchten und Beschuldigungen in der Mo­schee die Gemeindeleitung zu dieser Familie fuhr und den Ehemann auf sein Verhalten ansprach. Sie drohten auch klar mit Konsequenzen wie dem Gang zur Polizei oder damit, die Frau aus der Familie zu holen und ins Krankenhaus zu bringen.

    Üblich dagegen ist es nicht, dass eine Frau zum Hodscha kommt und ihm berichtet, dass sie geschlagen wird. Meist geschieht es um fünf Ecken, und bis der Hodscha davon erfährt, hat oft die Großfamilie schon eine Lösung gefunden. Die meisten waren sich einig, dass man auf jeden Fall die staatlichen Stellen wie das Jugendamt, ein Frauenhaus usw. einschalten müsse, wenn die Mittel der Gemeinde nicht ausreichten. In der Praxis sind dieses aber Ausnahmefälle.

    Nadja El Ammarine:

    Mir fehlte als Pädagogin heute bisher die andere Seite. Hier wurde nur betont, was Kindern angetan wurde und wird, aber andererseits existiert auch die Notwendigkeit einer Grenzsetzung. Hierzu zählt das Beispiel mit dem Rollstuhlfahrer. Die Eltern waren zumindest so „fair“, eine Vereinbarung zu treffen, nämlich dass der Junge bis 23 Uhr zuhause sein mußte. Insofern verstehe ich die Gewalt nicht ganz. Natürlich ist es schlimm, die Nacht draußen zu verbringen, doch ein 17-jähriger hat auch die Option, um 23 Uhr noch Hause zu kommen. Ich brauche als Erzieher auch die Möglichkeiten, Gren­zen zu setzen und Konsequenzen folgen zu lassen, auch wenn diese in dem geschilderten Fall vielleicht unsinnig gewesen sind.

    Antwort:

    Ohne Einzelheiten zu berichten war in diesem Fall das Aussetzen sozusagen die Spitze des Eisberges. Schläge waren an der Tagesordnung, die Frau war gebrochen und konnte keinerlei Widerstand gegen

    den Vater leisten usw.

    Malika Douallal:

    Wie weit sind die Hodschas in den Moscheen über die psychosozialen Beratungsangebote in der Um­gebung informiert? Man muß ja nicht gleich zum Frauenhaus oder Jugendamt gehen. Es gibt Informa­tionen über Beratungsstellen bei der Stadtverwaltung usw.

    Antwort:

    Ein Wissen über die Angebote gibt es nicht, das muß man ganz klar sagen. Man weiß auch über die herausstechenden Angebote der Frauenhäuser und des Jugendamtes nur durch besondere Ereignisse in den Familien und deren Erfahrungen. Eine systematische Information der Hodschas und der Gemein­den ist bisher nicht erfolgt, da diese Arbeit in den Bereich eines seelsorgerisch ausgebildeten Psycho­logen oder Sozialarbeiters hinein reicht. Dazu sind wir doch in einer gewissen Weise noch zu sehr abgeschieden mit unserer Kultur. Ich denke, dass sich das in Zukunft ändern wird. Die Vermittlung von Informationen dieser Art wären z.B. eine wichtige Aufgabe für Eure Arbeitsgemeinschaft. Ihr seid versiert und kennt Euch mit einer solchen Problematik aus. Eine Möglichkeit wäre z.B. in Zusammen­arbeit mit verschiedenen Moscheen oder Verbänden dergestalt, dass jemand von Euch kommt und die Hodschas auf ihren Fortbildungstreffen informiert.

    In Dortmund haben wir jemanden, der sowohl Hodscha als auch ausgebildeter Therapeut ist, zu dem schicken wir schon in Einzelfällen.

    Amina Theißen:

    Tatsache ist, dass es Gewalt in muslimischen Familien gibt. Tatsache ist auch, dass das bestehende An­gebot an Beratungsmöglichkeiten für Muslime nicht zufriedenstellend ist. Ich glaube auch nicht, dass von islamischer Seite aus das Jugendamt eingeschaltet wird, da hinterher die Probleme manchmal noch größer sind als zuvor und das Kind ganz entwurzelt ist. Von den Moscheen selbst wird auch nichts unternommen, so dass die Frauen und Kinder in ihrer Not alleine sind. Es brennt uns unter den Nägeln, dass wir dringend eigene Angebote schaffen müssen, und zwar in Zusammenarbeit. Du hast zwar gesagt, dass der Auftrag der Moscheen eher ein religiöser im engeren Sinne sei, doch wer soll es denn anders tun? Wir müssen uns als Muslime dieser Verantwortung stellen, vor allem, wenn wir wis­sen, dass es diese Probleme gibt.

    Antwort:

    Diese Aufgabe müsste eigentlich von den Moscheen durchgeführt werden, doch ich fürchte, dass die Muslime noch nicht so weit sind. Wir erleben hier in Europa einen Umgang mit derartigen Problemen, den wir aus unseren Heimatländern nicht kennen. Es wird noch eine Menge Erziehungsarbeit im isla­mischen Sinne erforderlich sein, dann ist es auch Zeit für Beratungsstellen etc.

    Dr. Hamdani:

    Ich habe den Eindruck, dass die Wahrnehmung für die Probleme zwar vorhanden ist, doch sehr indivi- i­duell erfolgt. Es gibt m.E. kein Konzept, keine Idee. Das Problem wird in der Familie eher verheim­licht, diese Verheimlichung geht weiter auf der Ebene der Moschee, auch wenn in Einzelfällen Dritte eingeschaltet werden. So haben die Imame vor 200 Jahren praktiziert und so praktizieren sie heute, in Anatolien und in Nippes. Wo ist unsere Antwort an die Herausforderung der Zeit? Wir sind dieser Herausforderung bisher nicht gewachsen und leben immer defensiv.

    Antwort:

    Ich denke, es handelt sich hier um ein gesellschaftliches Problem und betrifft uns Muslime in der Ge­samtheit. Wenn ich das Verständnis von Erziehung aus der Zeit des Propheten betrachte, ist Erziehung in erster Linie eine Angelegenheit der Familien. Es wird eine Zeit brauchen, bis ein Bewusstsein dafür geschaffen ist, dass auch die islamische Öffentlichkeit Hilfen bereitstellt.

  • Blogreihe: Die Terra Incognita der islamischen Psychologie – Woche 15

    Weitere Gelehrte

    Neben den vorgestellten Gelehrten, die sich relativ breiter Beliebtheit erfreut, gibt es weitere, die in psychologischen, psychotherapeutischen und psychiatrischen Schriften nur am Rande genannt werden. Dazu gehören im 8. und 9. Jahrhundert ʿAmr ibn Bahr al-Dschāhiz (766-868), der die sozialen Organisationsstrukturen von Ameisen und die Kommunikation von Tieren studiert hat, Abu Zakariya Yahya Ibn Masawayh (777-857) und Georgues Ibn Bakhtaishou, die sich zur Psychiatrie geäußert haben, Al-Muḥāsibī (781-847), der sich mit der Struktur des Bewusstseins und dem Unbewussten auseinandersetzte und laut Düzgüner und Şentepe (2015) den Begriff al-nafs als erster Gelehrter in seiner psychologischen Bedeutung benutzt sowie Ibn Al-Dschazzar (898-1009), der sich zur Psychosomatik geäußert haben. Für das 10. und 11. Jahrhundert sind Hassan Ibn Mohammed Naishaboury (953-1014), der ein Buch Zu den gesunden Kranken schrieb, Ibn Al-Haytham (965-1040), der laut Khaleefa (1999) einen entscheidenden Beitrag zur experimentellen Psychologie und Psychophysik geleistet hat (siehe auch: Aaen-Stockdale, 2008), die Ikhwan al-Safa‘ (Die Brüder der Reinheit), ein Gelehrtenkollektiv in Basra (Irak), welches in ihren rasāʼil, Briefen, über die Zusammensetzung der Seele, das Gehirn und das Denken geschrieben haben, Abū r-Raiḥān Muḥammad b. Aḥmad al-Bīrūnī (973-1048), der das Konzept der Reaktionszeitmessung beschrieben haben und der spanische Gelehrte Ibn Hazm (994-1064) mit seinem Werk al-Akhlaq wal-Siyar (Moral und Verhalten) nennen. Zum 12. und 13. Jahrhundert lassen sich Ibn Al-Ayn Zarbi (gest. 1153), der in seinem Werk über die Heilkunst al-kafi fil-tibb körperliche und mentale Krankheiten und ihre Behandlungen beschreibt und im Kapitel zum Gehirn und der Geistesschwäche die körperliche Grundlage für mentale Krankheitsbilder aufführt, Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī (1165-1240), der sich mit der Theorie der Seele, die Wahrnehmung, die Natur der Bedürfnisse, Phantasien und Träume beschäftigte (Haque, 1998, 2004), Abū Yahyā Zakariyā‘ ibn Muhammad al-Qazwīnī (1203–1283; Taeschner, 1912), Najeeb Al-Din Al-Samarqandi (gest. 1222), ein Zeitgenosse Rhazes, der in seinem Buch Zu den Ursachen und Symptomen psychische Krankheiten beschrieb und kategorisierte und Ibn Al-Qayyim Al-Jawziyya (1292-1350) der sich in seinem Text Kitab Al-Shifa Fil-Tibb Al-Nabawi zur spirituellen Medizin und seiner Arbeit Al-Fawaid zu Denkprozessen äußerte, anführen (Awaad, 2019; Haque, 2004; Husain, 2017; Khalili et al., 2002; Payk, 2005; Syed, 2002).

    Referenzen

    Aaen-Stockdale, C. (2008). Ibn Al-Haytham and Psychophysics. Perception37(4), 636-638. doi:10.1068/p5940

    Awaad, R., Mohammad, A., Elzamzamy, K., Fereydooni, S., & Gamar, M. (2019). Mental Health in the Islamic Golden Era: The Historical Roots of Modern Psychiatry. In H. S. Moffic, J. Peteet, A. Z. Hankir, & R. Awaad (Eds.), Islamophobia and Psychiatry: Recognition, Prevention, and Treatment (pp. 3-18). Basingstoke, England: Springer.

    Düzgüner, S., & Şentepe, A. (2015). Characteristic Themes in Psychology of Religion in Turkey: Muslim Thinkers’ Views on Human Psychology and Psychology of Sufism. In Z. Ağilkaya-Şahin, H. Streib, A. Ayten, & R. W. Hood (Eds.), Psychology of Religion in Turkey (pp. 31-50). Leiden, Niederlande: Brill.

    Haque, A. (1998). Psychology and Religion: Their Relationship and Integration from Islamic Perspective. The American Journal of Islamic Social Sciences15, 97–116.

    Haque, A. (2004). Psychology from Islamic Perspective: Contributions of Early Muslim Scholars and Challenges to Contemporary Muslim Psychologists. Journal of Religion and Health, 43(4), 357-377. doi:10.1007/s10943-004-4302-z

    Husain, A. (2017). Contributions of Arab Muslim Scholars to Psychology. In A. Husain (Ed.), Contemporary Trends in Islamic Psychology (pp. 13-25). Hyderabad, Indien: Centre for Study and Research.

    Khaleefa, O. (1999). Who is the Founder of Psychophysics and Experimental Psychology.

    The American Journal of Islamic Social Sciences, 16(2), 1-25.

    Khalili, S., Murken, S., Reich, K. H., Shah, A. A., & Vahabzadeh, A. (2002). Religion and Mental Health in Cultural Perspective: Observations and Reflections After The First International Congress on Religion and Mental Health, Tehran, 16–19 April 2001. The International Journal for the Psychology of Religion, 12(4), 217–237.

    Payk, T. (2005). Psychiatrie im frühen Islam. In H. J. Assion (Ed.), Migration und seelische Gesundheit (pp. 21-28). Heidelberg, Deutschland: Springer, 21-28.

    Syed, I. B. (2002). Islamic Medicine: 1000 years ahead of its time. Journal of Islamic Medical Association2, 2-9.

    Taeschner, F. (1912). Die Psychologie Qazwînis. Tübingen: Druck von G. Schnürlen.

  • IASE Tagungsbeitrag 2000: Wie gehen die Moscheen mit dem Thema Gewalt um?

    Aus der Schatzkiste. Die Wenigsten wissen, dass die IASE seit den 1980er Jahren existiert. Wir haben alte Tagungsbeiträge ausgesucht, um sie wöchentlich hier zu posten. Viel Vergnügen beim Lesen.


    Wie gehen die Moscheen mit dem Thema Gewalt um?

    Celal Özcan

    Obwohl mich dieses Thema sehr interessiert, habe ich dennoch nicht viel in der Literatur dazu gefun­den, da es wohl eher ein praktisches Problem ist.

    Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Islam und Gewalt? Hierzu zitiere ich den bekannten Koranvers: „Es gibt keinen Zwang in der Religion“. Wie dieser Vers zeigt, darf keine Gewalt ange­wendet werden, jeder ist frei, er ist vor Gott frei, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

    Nun zu dem Begriff „Islam“: Der Begriff kommt von der Wortwurzel „Salam“, was Friede bedeutet. Wie kann es Gewalt in einer Religion geben, deren Name „Friede“ bedeutet? Theoretisch mag das klar sein, doch in der Praxis haben sich Muslime zu oft nicht an die Vorschriften der Religion gehalten. Das wird bei einem Blick in die heutige islamische Welt schnell klar. Wir Muslime haben angefangen, so zu glauben wie wir leben, obwohl es eigentlich anders sein müßte: wir müßten so leben wie wir glauben.

    In den 70er Jahren gab es einen schwarzamerikanischen Führer, Malcolm X. Er sagte in einer Veran­staltung: „Preis sei Allah, dass ich Muslim geworden bin, bevor ich die Muslime kennengelernt habe.“ Eine ähnliche Aussage machte Yusuf Islam, auch als Cat Stevens bekannt. Vielleicht wären sie keine Muslime geworden, wenn sie uns erlebt hätten, sie haben jedoch nach den Quellen geforscht und den wahren Islam kennengelernt.

    Die heutige Situation der Muslime und die Tatsache, dass sie Gewalt benutzen, ist historisch zu verste­hen: Durch die Kolonialisierung der meisten islamischen Länder nach dem ersten Weltkrieg hatten die Muslime kaum Gelegenheit, ihre Religion weiter zu studieren und zu lehren, wodurch viele lebens-praktische Dinge wie das islamische Verhalten gegenüber ihren Kindern oder den Nachbarn usw. zu­nehmend in Vergessenheit gerieten. Dazu kam, dass aus den Reihen der Muslime selbst Probleme ent­standen. So führte z.B. Atatürk eine Art Revolution durch: unter anderen Neuerungen, die gegen den Islam gerichtet waren, führte er die lateinische Schrift ein und machte damit über Nacht Millionen zu Analphabeten.

    Auch heute wird in den islamischen Ländern Gewalt angewendet, um die Muslime von ihrer Religion abzubringen. In der Türkei z.B. dürfen keine muslimischen Frauen mit Kopftuch studieren. Das gilt ebenso für Männer mit Bart. So haben bei genauerer Betrachtung die Muslime dort nur eingeschränkte Chancen, den Islam richtig und umfassend zu lernen und zu leben, so dass sich ein großer Teil unseres Volkes in der Religion nicht auskennt. Sie kennen oft nur die Schahada, wissen, dass man fünfmal am Tag betet, die Hadsch macht und Zakat zahlt. Und wer das nicht tut, kommt in die Hölle. Doch alles andere, was man normalerweise als Muslim ebenfalls wissen muß, kennen sie nicht oder haben es vergessen.

    Weiterhin ist die wirtschaftliche Lage der muslimischen Länder im Zusammenhang mit Gewalt zu nennen. Zum Unterhalt der Familie ist harte Arbeit notwendig. Ich habe in Ägypten einen Rechtsan­walt kennengelernt, der zusätzlich nachmittags arbeiten mußte um seine Familie zu ernähren.

    Viele Menschen glauben und praktizieren den Islam streng, auch wenn sie nicht viel darüber wissen. Das, was sie nicht gelernt haben, können sie natürlich auch nicht an die nachfolgenden Generationen weitergeben. Nun möchten sie ihren Kindern aber etwas vom Islam zukommen lassen. Sie können sie entweder in die Moschee zum Unterricht schicken oder sie zur Befolgung der Religion zwingen, also Gewalt anwenden. Deutlich wird das beim Kopftuch, für dessen Notwendigkeit keine Begründungen angegeben werden können, sondern einfach Zwang ausgeübt wird. Die Menschen haben keine Mög­lichkeit, die Tochter mit Argumenten von der Notwendigkeit zu überzeugen und sie selbst zu diesem Schluß gelangen zu lassen. So begünstigt also fehlendes Wissen über die Religion die Anwendung von Zwang und Gewalt.

    Gewalt in den Moscheen

    Durch den bedauerlichen Zeitmangel in den Familien besteht oft nur eine geringe Möglichkeit, die Kinder dort zu unterrichten. Nach der Schule müssen Hausaufgaben gemacht werden, dann gibt es ein wenig Fernsehen, dann geht es ins Bett.

    Die Kinder stehen zwischen zwei Kulturen und verhalten sich oft anders als ihre Umgebung. Wenn sie in die Moschee gehen wie in die Schule, ist der Lehrer beunruhigt, da er eine gewisse Disziplin benö­tigt, damit die Kinder etwas lernen. Dann wird er auch eher Gewalt anwenden, weil er sie nicht anders zur Ruhe bringen kann. Ich selbst habe als Kind in der Moschee oft Schläge bekommen.

    Was kann ich als Hodscha tun, um Gewalt in der Moschee zu verhindern?

    1. In der IGMG versuchen wir besonders junge Hodschas anzustellen, die noch voller Energie sind und noch mehr Geduld haben. Ältere Hodschas, die ihre Jugend und damit auch ihre Schulerfahrung in der Türkei verbracht haben, tun sich damit gegenüber Kindern schwer, die hier in Europa aufge­wachsen sind. Ich selbst verstehe die Hodschas zwar, versuche jedoch, sie von einigen Verhaltenswei­en abzubringen.
    2. Die Hodschas der IGMG kommen wenigstens einmal im Monat zusammen und diskutieren über wichtige Aspekte ihrer Tätigkeit. So haben wir bei unserer letzten Versammlung mit ca. 30 Kollegen über das Thema Gewalt gesprochen.
    3. Wir haben nur eingeschränkte Möglichkeiten, die Kinder in kleine Klassen oder Gruppen einzutei­len. Manchmal kommen 60-70 Kinder zum Unterricht. Wie soll ein Hodscha alle unterrichten? Mit einer strammen Disziplin wäre das vielleicht möglich. Daher versuchen wir, die Zahl der Kinder in den einzelnen Räumen zu verringern.
    4. Kinder werden nach Mtersgruppen eingeteilt. Praktisch bedeutet das für mich drei mal zwei Stun­den Unterricht für 60 Kinder in drei Klassen à 20 Kinder. Ich verbringe so den ganzen Tag mit ihnen. Die Unterrichtsdauer ist festgelegt und begrenzt, um die Kinder nicht zu überfordern. Eine Stunde dauert 45 Minuten, danach kommt eine Pause, dann folgt eine weitere Stunde.

    Ich versuche, mich mit den Kindern anzufreunden, mit ihnen kindgerecht umzugehen, damit sie keine Angst vor mir haben. Auch darf man nicht alles sehen, was die Kinder anstellen, das schont die Ner­ven. Manche Hodschas stehen allerdings mit einem Stock in der Hand in der Kiasse und schlagen an irgendeinem Punkt der Unruhe ein bestimmtes Kind, damit alle ruhig werden.

    1. Weiterhin versuchen wir die Kinder für gute Leistungen zu belohnen. Das steigert das Interesse der

    Kinder erheblich, zumal wir keine Möglichkeiten von Zeugnissen, Versetzungen oder Klassenwieder­holungen haben.

    1. Auch versuchen wir, mit den Eltern zusammenzuarbeiten.

    Frage:

    Wie gehen Moscheen mit dem Thema Gewalt um, das von Einzelnen an sie heran getragen wird. Werden sie irgendwo hingeschickt (Fachleute), sprechen die Hodschas selber mit ihnen usw.?

    Antwort:

    Ehepaare, einzeln oder zusammen, kommen nicht oft in die Moschee um mit dem Hodscha ihre Pro­bleme zu besprechen. Ein Grund dafür ist die islamische Haltung, dass man nicht über andere reden soll. Das wird in unserer Gemeinschaft leider oft zu wenig berücksichtigt. Dennoch bemühen wir uns natürlich, zu helfen. So hatte ich im vorigen Jahr einen jungen Mann, der aus der Türkei gekommen war und mit seiner Frau Probleme hatte, die hier in Deutschland groß geworden war. Der Mann hoffte, eine traditionelle Frau zu finden, die Frau erwartete ein Verhalten wie bei deutschen Männern.

    Ich habe mich dergestalt verhalten, dass ich mit dem jungen Mann gesprochen und meine Frau zu sei­ner Frau geschickt habe. Wir versuchen, den beiden zu erklären, wie Allah und der Islam die Angele­genheit sehen und wie sie sich gegenüber dem jeweils anderen verhalten sollen.

    Zwischenbemerkung einer Teilnehmerin:

    In Aachen kann man den Imam anonym anrufen und sein Problem schildern, auf das er dann ebenso anonym in der nächsten Chutba eingeht.

    Antwort:

    In der Chutba gehe ich anonym auf diese Dinge ein, die mir vorgetragen wurden. Unabhängig davon versuche ich mindestens einmal im Monat das islamisch korrekte Verhalten in der Familie zum Thema der Chutba zu machen.

    Ähnlich verfahren wir im Falle von Problemen mit den Kindern. Wenn wir allein nicht weitet kom­men, haben wir in Dortmund einen psychologischen Berater, einen Türken, wohin wir dann die Men­schen schicken.

  • Blogreihe: Die Terra Incognita der islamischen Psychologie – Woche 14

    Theorie der Seele, Motivation

    Fachr ad-Dīn ar-Rāzī (1150–1210) wurde wie auch der historisch frühere Abū Bakr Muḥammad ibn Zakaryā ar-Rāzī (Rhazes) in Ray im nördlichen Iran geboren. Attar (2014) widmet sich in seiner Dissertation der Psychologie in al-Razis Werk al-Mabāḥiṯ al-mašriqiyya fī ʿilm al-ilāhiyyāt wa-l-ṭabīʿiyyāt. al-Razi setzt sich in dieser Arbeit zunächst intensiv mit Ibn Sinas psychologischem Gedankengut auseinander und synthetisiert davon ausgehend seine Simplifizierte Theorie der menschlichen Seele (Attar, 2014). In seiner Arbeit Kitab al-Nafs Wa al-Ruh wa Sharh Quwahuma untersucht er außerdem die verschiedenen Arten des Vergnügens, den sinnlichen Genuss und die Bedürfnisse (Haque, 2004), aus heutiger Sicht scheint dies vor allem unter motivationspsychologischen Aspekten interessant zu sein. Auch setzt er sich mit der Physiognomie, Schmerz und Freude, interindividuellen Unterschieden und der kognitiven Therapie moralischer Krankheiten auseinander (Awaad, 2019).

    Referenzen

    Attar, M. F. (2014). Faḫr al-Dīn al-Rāzī on the Human Soul: A Study of the Psychology Section of al-Mabāḥiṯ al-mašriqiyya fī ʿilm al-ilāhiyyāt wa-l-ṭabīʿiyyāt (Doctoral dissertation, McGill University, Montreal, Kanada). Geladen von: http://digitool.library.mcgill.ca/webclient/StreamGate?folder_id=0&dvs=1508178326200~439

    Awaad, R., Mohammad, A., Elzamzamy, K., Fereydooni, S., & Gamar, M. (2019). Mental Health in the Islamic Golden Era: The Historical Roots of Modern Psychiatry. In H. S. Moffic, J. Peteet, A. Z. Hankir, & R. Awaad (Eds.), Islamophobia and Psychiatry: Recognition, Prevention, and Treatment (pp. 3-18). Basingstoke, England: Springer.

    Haque, A. (2004). Psychology from Islamic Perspective: Contributions of Early Muslim Scholars and Challenges to Contemporary Muslim Psychologists. Journal of Religion and Health, 43(4), 357-377. doi:10.1007/s10943-004-4302-z

  • IASE Fachtagung 2019

    Sie steht, unsere Fachtagung! Am 06.04.2019 freuen wir uns, Euch auf unserer Fachtagung begrüßen zu dürfen. Alles Weitere zu Programm und Anmeldung findet ihr in unserem Flyer unter diesem Link.

    Islam und Psychologie – Forschungsansätze und Auswirkungen in Theorie und Praxis

    Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie entdecken seit einigen Jahren Religion und Spiritualität zunehmend als sinnstiftende Elemente. Andererseits wird der Themenkomplex „Islam und Psychologie“ seit Ende der 70er Jahre unter muslimischen Fachleuten weltweit kontrovers diskutiert. Auf unserer wissenschaftlichen Tagung zum Thema Islam und Psychologie – Forschungsansätze und Auswirkungen in Theorie und Praxis wollen wir die Frage des Verhältnisses von Psychologie und Islam aus drei Perspektiven beleuchten: Paul Kaplick gibt einen Überblick über die Entwicklung und den aktuellen Stand der theoretischen Ansätze. Dr. Martin Kellner behandelt die religiösen islamischen Grundlagen, auf die sich eine Psychologie aus islamischer Perspektive stützen kann und Dr. Ibrahim Rüschoff untersucht die Möglichkeiten und Grenzen einer Integration islamischer Elemente in die beraterische und therapeutische Praxis. Angesprochen werden in erster Linie muslimische Berater und Therapeuten aus den Berufsfeldern Psychologie, Psychiatrie, Psychosomatik, Sozialpädagogik und Sozialarbeit etc., außerdem auch an interessierte Studierende.

    Folgende Referenten werden Euch Rede und Antwort stehen.

    Badawia, Tarek, Prof. Dr., Religionspädagoge, Erlangen

    Chizari, Navid, M.A., Doktorand der Theologie, Istanbul

    Kaplick, Paul, B.Sc., Masterstudium Kognitive Neurowissenschaften, Amsterdam

    Karim, Ahmed A., Prof. Dr., Psychologischer Psychotherapeut und Neuropsychologe, Tübingen

    Kellner, Martin, Dr., Theologe, Osnabrück

    Kounta, Mubarak, Imam, Rüsselsheim

    Laabdallaoui, Malika, Dipl.-Psych., Psychologische Psychotherapeutin, Mainz

    Mazarweh, Gehad, Dr. phil., Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker

    Ruff, Julia Semiha, B.Sc., Masterstudium Psychologie, Trier

    Rüschoff, Ibrahim, Dr., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Mainz