Mit dem Namen ALLAHs, des Barmherzigen, des Allerbarmers, bismi ʾllāhi ʾr-raḥmāni ʾr-raḥīm

Kategorie: Allgemein

  • Blogreihe: Institute und Vereinigungen muslimischer Psychologen – Woche 1

    Institute und Vereinigungen muslimischer Psychologen

    In dieser Blogreihe werden wir Euch über mehrere Wochen hinweg verschiedene Institute und Vereinigungen aus aller Welt vorstellen, in denen muslimische Psychologen glaubens- und kultursensible aber auch spirituell integrierte Beratung und Psychotherapie für muslimische Klienten und Patienten anbieten. Unser Schwerpunkt liegt auf Großbritannien und Amerika. Dies wird vor allem für die muslimischen Psychologiestudenten unter unseren Lesern interessant sein, da ein Großteil dieser Institute und Vereinigungen auch klinische Praktika anbieten.

    In der ersten Woche möchten wir Euch zunächst eine Einschätzung der momentanen Lage des britischen Netzwerks muslimischer Psychologen geben und die wichtigsten Institutionen vorstellen, bevor wir ein paar davon genauer betrachten möchten.

    Das Netzwerk muslimischer Psychologen profitiert personell von der 25 bis 30-jährigen Erfahrung einzelner Psychotherapeuten und Berater und ist sehr klinisch ausgerichtet. Malik Badri, ursprünglich aus dem Sudan und danach in Malaysia lehrend tätig, publizierte sein erstes Buch 1979, welches in Großbritannien im Rahmen einer Diskussion zwischen dem dortigen ersten muslimischen Psychotherapeuten Rasjid Skinner, muslimischen Gelehrten wie Muhtar Holland und Timothy Winter, den Psychotherapeuten Rabia Malik und Aliah Haeri und dem Naturmediziner Hakim Salim Khan über einen Zeitraum von zehn Jahren rezipiert wurde. Aus dieser langjährigen kritischen Diskussion bzw. der Kritik Badris resultiert der Ansatz Skinners von 1989.

    Die klinische Ausrichtung der britischen Strukturen zeigt sich insbesondere in langjährig etablierten, postgradualen Weiterbildungsprogrammen. Hakim Salim Khans Arbeit ist auf die Entwicklung eines naturmedizinischen bzw. -heilkundlichen Modells und dessen klinischer Anwendung ausgerichtet. Er gründete 1978 die Mohsin Clinic of Natural Medicine und etablierte das College of Medicine and Healing Arts in Leicester. Dieses bietet ein Programm in naturheilkundlicher Beratung und Psychotherapie an und brachte jüngst seine ersten Absolventen hervor. Diesem folgte 1989 ein Kurs in Islamischer Beratung von Stephen Maynard & Associates in London.

    Kurz nach der Jahrtausendwende fanden sich die wichtigsten Vertreter der Strömung in London zusammen, um das Institute of Islamic Counselling ins Leben zu rufen. Dieser Versuch scheiterte jedoch in seinem Ziel, sich zu einer nationalen Organisation zu entwickeln, da grundlegende Konzepte bzw. theoretische Vorstellungen kaum diskutiert wurden und man sich nur schwierig organisieren konnte. 2014 kam es nach langjähriger Vorbereitungsarbeit durch Rasjid Skinner und Abdul-Wali Wardak in Bradford zur Gründung des Ihsaan-Dienstes, der ein Angebot an islamisch-orientierter professioneller Beratung und Therapie vorhält. Die Vorbereitungsarbeiten umfassten dabei vor allem das Training von Psychotherapeuten in einem islamischen Ansatz, der sich an einem islamischen Verständnis des Selbst und seinen Dynamiken orientiert. In der Therapie werden z. B. Faktoren wie die natürliche Ausrichtung des Menschen auf Gott (Fitra) sowie kulturelle, religiöse und spirituelle Bedingungen berücksichtigt, die die psychische Gesundheit beeinflussen können. Ebenfalls 2014 fand der erste Kurs Islamic Approaches to Psychology and Psychotherapy am Cambridge Muslim College statt, der seitdem regelmäßig von Rasjid Skinner geleitet wird. Skinner selbst ist Gastprofessor an der Fakultät für klinische Psychologie der Universität Karachi in Pakistan.

    In jüngster Zeit kam es durch Penny Appeal zur Gründung des Alif-Institutes, welches auch eine Abteilung für islamische Psychologie beherbergt. Diese wird von einer Reihe von Imamen und Theologen geführt und strebt an, eine zentrale Stelle für die Akkreditierung von islamischen Beratern zu werden. Es kam im Frühjahr 2018 zu harten inhaltlichen und politischen Auseinandersetzungen zwischen den „etablierten“ muslimischen Psychologen und den Imamen vom Alif Institute. Auf der einen Seite argumentieren viele muslimische Psychologen, dass eine weitere Akkreditierungsstelle neben dem Institute of Islamic Counselling nicht notwendig ist und nur zu unnötiger Verwirrung führt. Auf der anderen Seite kritisieren jedoch die Imame und Theologen, dass die islamisch theologische Fundierung der soweit entwickelten islamischen Psychologie und Beratung durch muslimische Psychologen qualitativ minderwertig ist und die Imame und Theologen somit Abstand wahren. In der Konsequenz gibt es nun zwei Ausbildungsstellen für islamische Berater in London, die langfristig wohl mehr oder weniger friedlich nebeneinander existieren werden.

    Quelle der Originalveröffentlichung (siehe auch für Quellennachweise):

    Kaplick, P. M., & Rüschoff, I. (2018). Islam und Psychologie in Großbritannien, den USA und Deutschland. Wege zum Menschen70(1), 78-88. doi:10.13109/weme.2018.70.1.78

  • IASE Tagungsbeitrag 2000: Gewalt in der Praxis der Beratung

    Aus der Schatzkiste. Die Wenigsten wissen, dass die IASE seit den 1980er Jahren existiert. Wir haben alte Tagungsbeiträge ausgesucht, um sie wöchentlich hier zu posten. Viel Vergnügen beim Lesen.


    Gewalt in der Praxis der Beratung

    Bothina El Toukhy

    Beispiel 1:

    Eine Freundin rief für eine Bekannte an, die erhebliche Schwierigkeiten mit ihrem Mann hatte. Wie sich herausstellte, kannte ich diese Frau. Bei der Heirat war die Frau 16 Jahre, der Ehemann 50 Jahre alt. Sie kam mit der Heirat nach Deutschland, der Mann war mit einer Deutschen verheiratet gewesen und hatte aus dieser Ehe zwei erwachsene Kinder. Die zweite Frau lebte im Hause der vorherigen Fa­milie, jedoch in einer eigenen Wohnung. Die Schwierigkeiten bestanden darin, dass der Ehemann ger­ne weitere Kinder haben wollte. Zwei Kinder der Familie hatte der Mann aus der ersten Ehe mitge­bracht, weitere zwei stammten aus der jetzigen Ehe. Die Frau war damit nicht einverstanden und wur­de daraufhin von ihrem Mann geschlagen.

    Nach anfänglicher Weigerung brachte die Frau dann im Alter von 19 Jahren ein drittes Kind zur Welt, insgesamt also drei Kinder in drei Jahren. Da der Mann beruflich viel im Ausland unterwegs war, blieb die Frau mit den Kindern fast die ganze Zeit alleine, ohne Sprachkenntnisse, ohne Führerschein. Auch mit der alten Familie, die ja im Hause wohnte, durfte sie keinen Kontakt aufnehmen. Als sie mit den Nachbarn einmal etwas unternommen hatte, gab es mit dem Mann erhebliche Probleme, dabei auch Tätlichkeiten. Einmal war die zu einer Bekannten nach Berlin geflohen, weil sie die Situation nicht er-trug, bei der Rückkehr des Mannes über alle möglichen Kleinigkeiten genauestens Rechen­schaft ab-legen zu müssen. Der Mann hatte es inzwischen durch seine Interventionen geschafft, auch ihre Familie auf seine Seite zu bringen, die sich schließlich von der Frau lossagte und sie darauf hin­wies, ihrem Mann zu gehorchen.

    Wir waren in der Situation sehr hilflos. Die Frau wollte meinen Rat. Ich lud sie zusammen mit ihrem Mann zu uns ein, die Bemühungen brachten jedoch keinen rechten Erfolg. Die Frau ließ sich schließ­lich scheiden lassen und ist einfach ohne Geld und Paß und ohne die Kinder ausgezogen. Sie kämpft jetzt um das Sorgerecht und Unterhalt durch den Mann.

    Beispiel 2:

    Eine Mutter kam zu mir und berichtete, dass ihre Tochter, ein 12-jähriges Mädchen aus unserer tür­kisch-marokkanischen Mädchengruppe‘ in ein Mädchenhaus gegangen sei.

    Das Mädchen stammte aus der ersten Ehe der Mutter, die inzwischen wieder geheiratet hatte und be­klagte sich, dass es vi-on der Mutter viel geschlagen werde und es daheim nicht mehr aushalten könne. Dazu kam ein kleiner Halbbruder aus der zweiten Ehe, gegenüber dem sie sich als Mädchen benach­teiligt fühlte. Privi-ate Kontakte zu Freundinnen waren schwierig, da de Mutter dagegen war, dass sie mit ihren nichtmuslimischen Freundinnen aus dem Haus ging.

    Das Mädchen war mit zwei Kulturen konfrontiert: In der Schule herrschte ein großes Maß an Freiheit und Selbstbestimmung, in der Familie bekam sie vorwiegend Befehle und Auflagen von der Mutter, die stets alles mit dem Islam und „unserer“ Tradition begründete.

    Während des Aufenthaltes im Mädchenhaus fiel das Kind durch einen Diebstahl in einem Supermarkt auf so dass die Eltern schließlich dafür sorgten, dass das Kind wieder nach Hause kam und dann in die Heimat zu den Großeltern schickten. Auch hier war konkreter Rat sehr schwierig. Die Mutter hatte wenig bis gar kein Vertrauen in diese Gesellschaft.

    Diskussion: 

    Tahira Beg:

    Ich arbeite beim Jugendamt und habe in der Vergangenheit immer wieder versucht, mit Imamen in Kontakt zu treten und gemeinsam zu arbeiten. Wenn ich als Frau, auch wenn ich Muslima bin, meine, ihm etwas sagen zu können, fühlen sie sich meiner Erfahrung nach in ihrer Autorität um so eher ange­griffen, je weniger sie Einblick in unsere gesellschaftliche Realität besitzen Auf diese Weise geht gar nichts. Ich versuche in letzer Zeit eher eine Person anzusprechen, die dieser Imam als Autorität akzep­tiert und die dann mit ihm in Kontakt tritt. Es geht m.E. sehr darum, dass der Hodscha sein Gesicht wahren kann. Dabei ist mir wichtig, dass für die Muslime etwas Positives heraus kommt und nicht, dass ich dort etwas regele.

    Dr. Hamdani:

    Das Problem ist sehr vielschichtig. Es lassen sich mindestens vier Ebenen unterscheiden: Dabei ist es gleich, auf welcher Ebene die Intervention erfolgt oder wie richtig sie ist, wenn sie nur auf einer Ebene erfolgt, reicht sie nicht aus. Folgende Bereiche kann man benennen:

    Der Berater/Therapeut, der sich fragt, was er tun soll, was zwischen ihm und dem Klienten geschieht. Hier wird die Bedeutung einer Supervision klar, einer neutralen Stelle, die ein wenig aus der Ver­wick-lung heraus hilft und einen Überblick verschafft.

    Der Ratsuchende: Hier muß vor allem der Auftrag geklärt werden. Wer will was? Werde ich von einer Seite instrumentalisiert? Wie weit mache ich mit?

    Der Islam: Trotz individueller Spielräume gibt es im Islam anerkannte Linien und Prinzipien, die nicht zur Diskussion stehen. In welchem Verhältnis man zu diesen Prinzipien steht, muß man für sich klä­ren, doch deren Anerkennung klärt bereits eine Vielzahl von Problemen.

    Die eigene Institution: Das Rechtssystem in Deutschland entspringt einer Idee und einer bestimmten Motivation. Diese Motivation zu klären, in die man als Arbeitnehmer, in diesem Fall als Beraterin in einer katholischen Einrichtung hinein genommen ist, klärt viele Verwicklungen und Rollenkonflikte.

    Mondher Ammar

    Zum Thema Imame: Man muß schon den Einzelfall anschauen. Es gibt Imame mit unterschiedlichen Lebensläufen, aus unterschiedlichen Schulen, aus unterschiedlichen Ethnien.

    Wir haben weiterhin als Berater o.ä. mit zwei Systemen zu tun. Auf der einen Seite das deutsche, dass effizient ist und gut funktioniert, dann ein weiteres, das nicht effizient ist und keinen Schutz bietet, jedoch Identität und Zugehörigkeit und ein Stück Ruhe. Es ist nun sehr kompliziert, mit oder auch zwischen diesen beiden Systemen zu arbeiten. Ich selbst bin zwar Soziologe, jedoch durch meine mehrjährige Arbeit bei der Caritas immer wieder mit Scheidungs- und Trennungsfällen konfrontiert worden. Inzwischen habe ich alle Arten von Gewalt erlebt. Besonders schwierig waren die Fälle, in denen die Paare nicht standesamtlich‘ sondern nur islamisch verheiratet waren. Hier ist der Schutz (Z.B. Unterhalt nach Trennung, Sorgerechtsregelungen etc.) besonders schwierig oder auch unmög­lich, so dass ich inzwischen der Überzeugung bin, dass was nicht legal oder offiziell ist, auch nicht is­lamisch sein kann. Was nützt mir ein System der Zugehörigkeit, der Identität, das im Notfall doch keinen Schutz bietet? Was soll ich mit einem Kind über Religion reden, dass immer wieder massivi­geprügelt wird und mir seine blauen Flecken zeigt? Was können wir also praktisch tun?

    Dr. Hamdani:

    Therapie ist Beziehungsarbeit. Und wenn ich in Therapie und Beratungsarbeit tätig bin, dann sollte ich schauen, zu wem im Umfeld (noch) eine Beziehung besteht. Kann ich da kooperativ anknüpfen, finde ich schnell eine Gemeinsamkeit und stoße auch auf ein Problembewußtsein. Nun ist oft ihre Art, die Probleme zu lösen, nicht optimal. Andererseits muß ich meine Auffassung relativieren, dass meine Art, die Probleme zu lösen, die beste sei. Wenn wir uns dann ohne Schuldzuweisung gemeinsam hinsetzen können, wenn wir das „Teufelsdreieck“ zwischen Opfer, Retter und Verfolgtem nicht aufbauen, be­steht eine Chance, weiter zu kommen. Sonst ist das Spiel aus, bevor es begonnen hat.

    Warum lernen wir nicht voneinander? Warum kann ich nicht zu einem Hodschas sagen: „Du schaffst ‚Wunder‘ mit deinen Methoden der Suggestion, die Menschen verlieren oft ihre Symptome. Ich als Psychiater mache manche ‚Wunder‘ mit Medikamenten, doch es hilft auch nicht immer. Ich möchte gerne einmal von dir lernen wie du das machst.“

  • Blogreihe: Die Terra Incognita der islamischen Psychologie – Woche 17

    Somatische Therapien und Psychotherapie in islamischen Krankenhäusern

    In unserem letzten Beitrag der Blogreihe zur Terra Incognita der islamischen Psychologie setzen wir uns mit der somatischen Therapie und Psychotherapie in der islamischen Blütezeit auseinander.

    Somatische Therapien

    In der Überzeugung, dass psychische Störungen physischer oder organischer Natur sind, neigten muslimische Ärzte dazu, somatische Behandlungen zu verschreiben, nachdem sie die Symptome ihrer Patienten analysiert hatten. Die Literatur zeigt zahlreiche Fallstudien, in denen Ärzte einen Großteil ihrer Behandlungsmethoden darstellten. Detaillierte Chroniken wurden aufgezeichnet, um physiologische und pathologische Informationen zu Einzelfällen und deren Behandlung zu beschreiben. Solche klinischen Erfahrungen wurden häufig zwischen Ärzten und Lehrern weitergegeben, was zu einer „Datenbank“ mit medizinischem Wissen und Referenzen führte. Medizinische Abhandlungen zeigen klar, dass jeder Arzt die Behandlungsmethoden anderer Ärzte auf ihrem Gebiet kannten.

    Für jede in den Texten beschriebene Krankheit gab es Aufzeichnungen zu verschriebenen Behandlungen sowie Dosierungsempfehlungen, Dauer und eine Liste der medizinischen Inhaltsstoffe. Die Medizin wurde in verschiedenen Formen wie Cremes, Kräutermischungen, festen Pillen und Flüssigkeiten zur Verfügung gestellt. Neben den pflanzlichen und organischen Medikamenten umfassten andere üblicherweise empfohlene somatische Therapien Übungsroutinen, entspannende Umgebungen (d.h. durch Musik und Spaziergänge im Garten angelegt) und Aktivitäten wie Geschichtenerzählen und Singen.

    Aus den Unterlagen geht auch hervor, dass es üblich war, eine Kombination von Therapien für eine ausgewogene und umfassende Behandlung zu verschreiben. Zum Beispiel gibt Ibn Sina detaillierte Anweisungen für die Durchführung der Phlebotomie zur Behandlung der Melancholie, während er gleichzeitig seine Patienten anweist, ein Bad zu nehmen oder heiße Öle zu verwenden und außerdem Übungen durchzuführen, die das Herz stärken. Hinweise auf eine solche Kombination von somatischer Therapie mit anderen Therapien (z. B. Verhaltens- und psychotherapeutische Praktiken) zeigen, wie umfassend sich die Ärzte der Behandlung ihrer Patienten mit psychischen Erkrankungen gewidmet haben (Awaad et al., 2019).

    Psychotherapie

    Ibn Hazm (2000) behauptet, dass das universelle Ziel, „frei von Angstzuständen“ zu sein, die Menschen zum Handeln im Leben antreibt. Al-Balkhi betonte auch, dass selbst „normale Menschen“ von psychischen Symptomen wie Angst, Ärger und Trauer geplagt werden. Das meiste davon sei erlerntes Verhalten und beziehe sich darauf, wie verschiedene Personen auf emotionalen Stress reagieren. Seine ausführlichen Diskussionen über die Veränderung des fehlerhaften Denkens und der irrationalen Überzeugungen, die für ihre emotionalen Zustände verantwortlich sind, standen vor elf Jahrhunderten im Mittelpunkt seiner Entwicklung einer kognitiven Therapie (Badri, 2013). Zahlreiche Texte muslimischer Gelehrter beschrieben kognitive Komponenten von Depression und Traurigkeit, Angst und Unwohlsein Angst, Obsessionen und Ärger im Detail und schlugen eine Vielzahl von Therapien und Behandlungen vor.

    Al Balkhis Grundlagenarbeit bei der Entwicklung der kognitiven Therapie umfasste eine Reihe von Merkmalen, die auch in der heutigen modernen Therapie anerkannt werden. Zum Beispiel wird sein präventiver Ansatz, der Menschen dazu anregt, gesunde Erkenntnisse für Notfälle zur Verfügung zu haben, mit der heutigen „rationalen kognitiven Therapie“ verglichen (Badri, 2013). Er und andere prominente muslimische Gelehrte wie Al Ghazali, Al Kindi, Ibn Hazm und Ibn Taymiyyah demonstrierten in ihren Behandlungen Praktiken der wechselseitigen Hemmung, die für die heutige Verhaltenstherapie grundlegend sind. Miskawayh, einer der ersten muslimischen Ethiker des 10. Jahrhunderts, entwickelte eine Theorie, in der die Wandlungsfähigkeit des menschlichen Verhaltens zur Förderung der Disziplin beschrieben wurde. Dies war für viele spätere Arbeiten von grundlegender Bedeutung, die darauf abzielten, Verhaltensweisen, Einstellungen und Verhaltensweisen durch Lernprozesse, Training und schrittweise Schritte der Verhaltensgestaltung zu verändern (Awaad et al., 2019).

    Die moralische Entwicklung war ein bedeutender Zweig der islamischen Psychotherapie. Viele Wissenschaftler widmeten sich Monographien, um sich mit Verhalten und ethischer Entwicklung auseinanderzusetzen. Dazu gehörten detaillierte Beschreibungen von Ethik und Methoden zum Erwerb höherer Moralität sowie von moralischen Erkrankungen wie Selbstsucht, Lust, Habsucht usw. und Methoden zu deren Behandlung. Gelehrte wie Al Ghazali definierten die moralische Entwicklung als ein Mittel, um nicht alle Formen von Wünschen und Bedürfnissen zu unterdrücken, sondern um Gleichgewicht und Selbstdisziplin zu üben. Es ist auch bekannt, dass religiöse Überzeugungen einen starken Einfluss auf die Emotionen und Verhaltensweisen einer Person haben (Awaad et al., 2019).

    Neben Selbstdisziplin wurden Konzepte der Verstärkung, Belohnung und Bestrafung beschrieben. Beispielsweise unterschied al-Razi zwischen den Erfahrungen der inneren positiven Verstärkung und der äußeren positiven Verstärkung, wenn er neue Verhaltensweisen und Verhaltensweisen erlernt. Das Verstehen und Verwenden von Verstärkungsmitteln ist für die modernen Theorien des Behaviorismus, die erst im späten 19. Jahrhundert entwickelt wurden, unerlässlich. Werke von Miskawayh und al-Ghazali beschreiben zum Beispiel eine Strategie, die den sogenannten „Antwortkosten“ ähnelt, um unerwünschte Verhaltensweisen zu beseitigen, wie Bestrafung / Reinigung durch psychologische, physische oder spirituelle Mittel, wie z. B. das Zahlen von Geld an die Armen, das Fasten. etc. Obwohl es nicht ungewöhnlich war, solche religiösen Rituale in therapeutische Behandlungen einzubeziehen, da sie sich direkt an den Qur’an halten, integrierten einige muslimische Gelehrte, Philosophen und Ärzte trotz einiger religiöser Kontroversen viele ihrer ererbten griechischen Lehren. Zum Beispiel beeinflusste die griechisch-musikalische Tradition muslimische Philosophen wie al-Kindi, die Musik zu einem Bestandteil des allopathischen Behandlungssystems zu machen, auch wenn dies von einigen Interpreten des islamischen Gesetzes nicht gern gesehen wurde. Diese Beispiele sind nur einige davon und veranschaulichen die Entstehung von Theorien und Praktiken der Psychotherapie, die von Intellektuellen dieser Zeit mit der Integration verschiedener Traditionen übernommen wurden (Awaad et al., 2019).

    Referenzen

    Awaad, R., Mohammad, A., Elzamzamy, K., Fereydooni, S., & Gamar, M. (2019). Mental Health in the Islamic Golden Era: The Historical Roots of Modern Psychiatry. In H. S. Moffic, J. Peteet, A. Z. Hankir, & R. Awaad (Eds.), Islamophobia and Psychiatry: Recognition, Prevention, and Treatment (pp. 3-18). Basingstoke, England: Springer.

    Badri, M. (2013). Translation and annotation of Abu Zayd al-Balkhi’s Sustenance of the Soul. Richmond, VA: International Institute of Islamic Thought.

    Ibn Hazm, A. A. (2000). Al-Akhlaq wa al-Siyar (Morals and Behavior). Beirut, Lebanon: Dar Ibn Hazm

  • IASE Tagungsbeitrag 2000: Gewalt in der Praxis der Beratung

    Aus der Schatzkiste. Die Wenigsten wissen, dass die IASE seit den 1980er Jahren existiert. Wir haben alte Tagungsbeiträge ausgesucht, um sie wöchentlich hier zu posten. Viel Vergnügen beim Lesen.


    Gewalt in der Praxis der Beratung

    Kesmat Gössinger

    Nach dem Theorieschwerpunkt des letzten Arbeitstreffens möchte das Thema heute aus praktischer Sicht angehen. Ich selbst habe viel zu tun mit Klienten aus islamisch-arabischen Ländern, zumeist arabisch sprechend. Ich habe drei Fälle aus meiner Praxis ausgewählt, die alle mit Gewalt zu tun ha­ben, und zwar in ganz unterschiedlichen, jedoch typischen Formen.

    Mein größtes Problem in der Begegnung mit solchen Fällen ist, dass ich manchmal islamischen Fami­lien begegne, deren gesamtes Handeln nur sehr wenig islamisch ist. Ich bin dann oft hilflos und frage mich, ob ich die Menschen etwa umerziehen soll oder die ganzen Therapiesitzungen damit zu verbringen, zu zei­gen, was islamisch und was nicht. Doch ich denke, dass unsere therapeutische Aufgabe auf einer ande­re Ebene liegt.

    Die ganze Sache ist äußerst komplex. Begegne ich einem Vater, der seine Tochter gegen ihren Willen verheiraten will, mit dem Hinweis auf einen Hadith und der Tatsache, dass das nicht ethisch ist, so kommt er mir mit anderen Hadithen und Texten, die sein Verhalten rechtfertigen. Und dann stecken wir in einem Streitgespräch von Meinungen und Glaubenssätzen. Ich sage mir irgendwann, das ist doch keine Therapie, was ich hier mache. Ich denke, dass viele von Euch, die in diesem Bereich arbei­ten, diese Situationen aus eigener Erfahrung kennen.

    Weiterhin stellt sich mir die Frage, was eine islamische Familie überhaupt ist. Eine Definition ist auch bei Rückgriff auf die Quellen schwierig, denn ich habe immer auch mein Verständnis eines islami­schen Familiensystems im Kopf. Ebenso geht es den anderen. Jeder Klient hat seine eigene Geschich­te, seine persönliche, seine ethnische, seine geographische Geschichte, und überall wird die Familie etwas anders definiert. Wir sind alles Individuen, die eine einheitliche Theorie leben wollen und diese dennoch alle einzeln prägen.

    Wenn ich also über die islamische Familie etwas sage, dann habe ich meine Vorstellung davon im Kopf, meine Vorstellung als eine in Kairo geborene und aufgewachsene Ägypterin.

    In allen drei folgenden Fällen wird ein Machtmißbrauch deutlich. Im ersten Fall geschieht der Miß­brauch durch einen Mann, im zweiten Fall durch jemanden mit einer Autorität in einer Gemeinde und im dritten Fall durch eine ganze Familie.

    Mein erstes Beispiel handelt von einem 20-jährigen Mädchen, das im 4. Monat schwanger zu mir in die Beratungsstelle kam. Die Eltern des Mädchens stammen aus Syrien, sie selbst ist hier in Deutsch­land geboren und in einer islamischen Familie aufgewachsen. Sie war auf einer deutschen Schule, und in ihrem Kopf war sie eine Mischung aus der islamischen Familie und dem deutschen Einfluß, den sie aus der Schule erhalten hat. Sie sagte mit Tränen in den Augen, dass sie nicht mehr wisse, was sie ma­chen solle. Die Ehe, in der sie lebe, sei eine falsche Entscheidung gewesen.

    Der Ehemann der Frau war erst mit 22 Jahren nach Deutschland gekommen, mit einer Identität als Syrer, einer Sozialisation als Araber. Die Frau hatte bei der ersten Begegnung mit ihm über ihre Vor­stellungen einer Ehe gesprochen und dabei sehr den partnerschaftlichen Umgang miteinander betont. Anfangs war er einverstanden und einer Meinung mit ihr. In den ersten drei, vier Monaten nach der

    Eheschließung war die Ehe perfekt, dann jedoch bemerkte die Frau täglich ein Stück Veränderung in seinem Verhalten. Schließlich eskalierte die Sache so, dass sie mit ihm kaum noch sprechen konnte. Er sei der Mann, er entscheide, sie müsse gehorchen. Er war sehr eifersüchtig auf ihren Vorsprung in der hiesigen Gesellschaft. Wenn dieser in bestimmten Situationen deutlich wurde, wurde er sehr gewalttä­tig, schlug sie und verbot ihr, in seiner Gegenwart anderen gegenüber ihre Meinung zu äußern. Oft holte er seine in Deutschland lebende Familie, Tanten und Schwestern dazu, die in einer Art Tribunal über sie zu Gericht saßen und stets auf seiner Seite gegen die Frau standen, die immer kleiner und kleiner wurde und ihre ganzen Vorstellungen von Partnerschaft zerstört sah.

    Soweit die Situation. Sollte ich ihr sagen, dass das Verhalten des Mannes nicht islamisch sei? Was bringt das, wenn man bedenkt, dass der Mann es so gelernt hat und sich in dieser Phase seiner persönli­chen Entwicklung nicht anders verhalten kann? Ich habe verlangt, dass er mit seiner Frau zusammen in die Beratung kommt, er lehnte es ab, seine Probleme mit einer Fremden zu lösen, er haben seine Schwestern und Tanten. Sie kam stets alleine, weinte immer, ein paar Monate nach dem ersten Kind war sie wieder schwanger. Es war nicht klar, warum sie ihre Probleme mit einer weiteren Schwanger­schaft noch verschärfte, doch dann zeigte sich, dass sie im Gegensatz zu ihrer anfänglichen Lebendig­keit teilweise in erhebliche Apathie verfallen war. Sie fragte sich ständig, wie das, was sie als unisla­misch erkannte, ihm vermitteln könne. Der Mann selbst war anders sozialisiert, er sah seine Eltern ähnlich kommunizieren und hielt das für islamisch. Er selbst war in einer gewissen Weise ein Opfer.

    Wie gehen wir als Therapeuten und Berater mit solchen Situationen um?

    Mein zweiter Fall zeigt ein besonderes Problem der Vernetzung von Hilfsangeboten. Ich dachte, es sei ideal, wenn jemand in die Moschee geht und zu mir kommt. Der Imam und ich könnten vielleicht zu­sammenarbeiten und parallel etwas erreichen. In der Realität ist das allerdings nie passiert.

    Eine deutsche Erzieherin kam sehr verzweifelt zu mir, da sie ein Kind im Kindergarten hatte, mit dem sie nicht umgehen konnte. Das Kind spielte nicht mit anderen Kindern, ging mittags nicht essen ob­wohl es ganztags angemeldet war, es saß die ganz Zeit in einer Ecke und machte gar nichts, wirkte apathisch. Gelegentlich ging es zu einer bestimmten Erzieherin, setzte sich auf ihre Schoß und sagte:

    „Weißt du, ich mag dich sehr, aber du gehst in die Hölle, weil du eine Kafira und nicht verschleiert bist.“ Die Frau wußte natürlich nicht, was eine Kafira ist, sie erschrak, da sie so etwas nie von einem 7-jährigen Kind gehört hatte. Das Kind sagte daraufhin, dass es sich bemühe, ein guter Muslim zu sein, und weil es die Erzieherin liebe, wolle es sie jetzt leiten, den richtigen Weg zu gehen, genau wie es ihr Vater als Imam einer Moschee tue.

    Es stellte sich heraus, dass ich den Vater des Kindes aus den Berichten verschiedener Klienten kannte. Eine litt unter nächtlichen Angststörungen, war zu ihm gegangen, er befreite sie mit Hilfe von Koran­lektüre von ihren Problemen. In anderen Fällen handelte es sich um Familienprobleme, ein Kind war ausgerissen etc. und immer war dieser Mann beteiligt. Seine Interventionen haben eine Zeitlang funk­tioniert, doch irgendwann landeten die Klienten dann doch bei uns. Die Familien bemerkten, dass wir doch mehr in der Realität verankert waren, im Kontakt standen mit den Schulen, den Kindergärten und eine Menge praktische Hilfe leisten konnten. Ich denke in diesem Zusammenhang, dass die Lektüre des Koran sicherlich einen positiven Effekt hat, jedoch löst sie nicht automatisch die alltäglichen Proble­me, die das Kind mit seinen Eltern und Lehrern etc. hat. Wir dürfen nicht halt machen auf der Ebene der islamischen Mittel i.e.S., sondern müssen die Angebote verknüpfen.

    Mein Problem war, dass ich mit dem Mann, der seine islamische Ausbildung in Al Azhar genossen hatte, nicht reden konnte, da er mich in keiner Weise akzeptierte. Er kam nicht zu mir, weil ich kein Kopftuch trage. Ich habe mit ihm telefoniert und versucht, mit ihm zusammen eine Lösung für seinen Sohn zu finden, da die Erzieherinnen nahe daran waren, zum Jugendamt zu gehen, weil sie annahmen, dass das Kind gefährdet sei. Sie hatten die Eltern eingeladen, der Vater kam allein, da die Mutter kein Deutsch konnte und sagte im Gespräch, dass er sehr stolz auf seinen Sohn sei, wenn er sich so beneh­me. Er sei froh, dass sein Sohn nicht mit den anderen spiele, sie nicht zu seinem Glauben gehören.

    Der Widerspruch ist offensichtlich: der Vater, der nicht will, dass sein Kind Kontakt mit anderen Nichtmuslimen hat, schickt es in eine solche Einrichtung. Warum lebt der Mann mit seiner Familie in einem Land, von dessen Kultur und Identität er sich so bedroht fühlt? Warum geht er nicht weg, wenn hier alles so schlecht ist? In eine Kultur, die seine Identität nicht bedroht?

    Ich war als Beraterin in einer schwierigen Situation. Einerseits war der Mann Imam einer großen Ge­meinde in Frankfurt. In diese Gemeinde gehen viele Muslime, die auch zu mir kommen. Sie haben sehr viel Respekt vor ihm und glauben sehr an seine Interventionen, die ja auch oft helfen. Für mich jedoch mit einem großen „aber“: sie helfen momentan und für eine bestimmte Zeit. Insgesamt jedoch bleiben die Probleme unverändert. Was also tun? Ich kann meinen Klienten nicht sagen, dass ich mit ihm nichts zu tun haben möchte, da er einen großen Einfluß auf sie hat. Ich kann auch nicht zu meinen Klienten sagen, sie sollen nicht zur Moschee gehen oder sie vor dem Imam warnen, dass seine Inter­ventionen keine nachhaltige Wirkung auf ihre Probleme habe.

    Ich hatte ein Gefühl der Lähmung: Ich ließ sie einfach gehen, in die Moschee und zu mir. Ich konnte sie bis zu einem bestimmten Punkt beraten, den Rest überließ ich Allah, dennoch war ich frustriert.

    Die Situation ist immer noch offen, ich habe mich zurückgezogen, als die Erzieherinnen forderten, ich solle mit dieser Familie reden. Sie waren enttäuscht und fragten, was wir denn als Beratungsstelle machten, doch ich denke, hier setzt der Elternwille wie bei jeder deutschen Familie einfach Grenzen. Ich habe mich zurückgezogen, als die Reaktion des Imam kam: „Ach ja, sie sind die Frau Psychologin. Wir kümmern uns um unsere eigenen Probleme. Halten sie sich da bitte heraus.“

    Darüber hinaus habe ich allerdings die Erfahrung gemacht, dass eine Zusammenarbeit durchaus mög­lich ist, wie im Falle eines türkischen Imams. Ich denke, dass hier die Persönlichkeitsstruktur des ein­zelnen Menschen eine große Rolle spielt.

    Im dritten Fall wurde ich von einem Frauenhaus wegen einer jungen Palästinenserin aus dem Libanon angerufen, die sich dort befand und kein Wort Deutsch sprach. Sie erzählte mir, dass sie vor drei Jahren geheiratet hatte. Einmal, um eine Familie zu gründen und zweitens, um ihrer schwierigen Situation im Elternhaus zu entgehen. So erschien ihr der junge Mann mit dem deutschen Paß wie ein Tor zum Himmel. Zu Beginn der Ehe war die Welt in Ordnung, er verwöhnte sie, sagte zu, dass sie deutsch lernen könne, wozu es allerdings nie kam, da er immer wieder Geldprobleme angab. Langsam bekam die Frau das Gefühl, von allem ferngehalten zu werden. Sie durfte keinen Schritt ohne die Erlaubnis der Schwiegermutter tun, die in der Wohnung gegenüber wohnte. Die Schwiegermutter kontrollierte wirklich nahezu jeden Schritt, vom Zeitpunkt des Aufstehens bis zum Abend. Nach der Geburt des ersten Kindes war dieses sofort in die Obhut der Schwiegermutter genommen worden, die der 20-jährigen Frau erklärte, dass sie nicht in der Lage sei, Kinder zu erziehen. Sie sei aus Mitleid aus der Armut ihrer Familie gerettet worden und hätte keinerlei Ansprüche zu stellen.

    Als die Frau eines Tages ein Glas zerbrochen hatte, holte der Mann wie schon oft zuvor seinc Familie, die in einer Art Tribunal über die Frau zu Gericht saß und ihr verbal massiv zusetzte. Sie forderten sie auf, heute noch nach dem Libanon zu gehen, dass Kind bleibe allerdings in der Familie. Die Klientin reagierte mit einem hysterischen Schreianfall, worauf die deutschen Nachbarn die Polizei holten, die die Frau ins Frauenhaus brachte. Das Kind blieb erst bei der Schwiegermutter, bis ein Richter das Sor­gerecht der Mutter übertrug.

    Auch in diesem Beispiel wird der Mißbrauch von Macht deutlich. Der eine hat das Geld, das Wissen, der andere eben nicht. Und wenn in dieser Situation keine Ethik vorhanden ist, eskaliert sie. Die Frau bekam schließlich Hilfe vom Frauenhaus in Form von Geld, sie bekam ihr Kind zurück. Sie wollte sich nicht scheiden lassen konnte, sondern ihren Beitrag zur Wiederherstellung der Familie leisten und fragte mich, ob ich mit ihrem Mann reden könne. Bedingung sei allerdings, dass die Schwiegermutter eine größere Distanz einhalte. Die Familie konnte nicht glauben, dass dieses zwanzigjährige Mädchen in der Lage war, so viele Leute zu mobilisieren, war in ihrem Stolz sehr verletzt und blockierte jede Hilfe und jedes Gespräch auch mit mir. Sie solle das Kind behalten und aus ihrem Leben verschwin­den. Zur Zeit befindet sich dieses Mädchen in einem Frauenhaus, sie kann nicht zurück, da das Kind deutsch ist und sie sich Zuhause in einer schwierigen politischen Situation befände. Das Beste für sie wäre, in unserem deutschen Umfeld weiter zu leben.

  • Blogreihe: Die Terra Incognita der islamischen Psychologie – Woche 16

    Das islamische psychiatrische Krankenhaus

    Die Antwort auf die Frage, wie viel wir über die psychologische, psychotherapeutische und psychiatrische Ideengeschichte muslimischer Gelehrter wissen, ist kurz und prägnant: noch nicht viel. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Prozentsatz bisher nicht gesichteter Arbeiten muslimischer Gelehrter zur Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie auf über 90% geschätzt wird. Berichte über die Beiträge der einzelnen Gelehrten sind teilweise noch sehr anekdotisch gehalten, nur wenige wie al-Balchī oder al-Ghazālī wurden einer ausführlicheren psychologischen Rezeption unterzogen und haben transhistorische Ergebnisse zu Tage befördert.

    Es kann eine Verdichtung von Arbeiten muslimischer Gelehrter im 9. und 10. Jahrhundert im heutigen Iran und Afghanistan festgestellt werden, während Texte im 11., 12. und 13. Jahrhundert vermehrt aus dem muslimischen Spanien kamen. Ein Blick auf die Werke muslimischer Gelehrter kann uns dabei helfen, unsere eigene wissenschaftliche Historie als Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater besser zu verstehen. Zukünftig gilt es außerdem zu klären, ob und inwieweit uns die Texte muslimischer Gelehrter dabei helfen können, Lösungen für die Probleme und Fragestellungen der gegenwärtigen Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie zu finden bzw. diese aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Einen interessanten Bereich dafür stellt z.B. die Rolle der Spiritualität in der Psychologie und Therapie oder die Klassifikation von Störungsbildern, welche im Kontext des kürzlich vorgeschlagenen RDoC-Systems weiter an Aktualität gewinnt, dar.

    Jenseits der theoretischen Durchdringung der Texte früher muslimischer Gelehrter lohnt sich auch ein Blick auf deren Behandlungspraxis, dies insbesondere in Hinblick auf Krankenhausstrukturen, somatische Therapien und die Psychotherapie. Bezüglich der Krankenhausstrukturen lässt sich die institutionelle Unterbringung psychischer Kranker in zwei Bereiche aufgliedern: Nervenheilanstalten (insane asylums) und psychiatrische Krankenhäuser (psychiatric hospitals). Während Erstere aus guten Gründen in der modernen Medizin nicht mehr anzutreffen sind, können wir historisch festhalten, dass die ersten psychiatrischen Krankenhäuser im 8. Jahrhundert durch muslimische Ärzte gegründet wurden. Dies wurde explizit durch die muslimischen Gesellschaften der Zeit gefördert. Als spezialisierte Institutionen beheimateten psychiatrische Abteilungen und Krankenhäuser Forschung zu psychiatrischen Krankheiten, die direkt in die Klinik übersetzt werden konnte, inspiriert durch den qur’anischen Vers: „Und gebt nicht den Schwachsinnigen euer Gut, das Allah euch zum Unterhalt gegeben hat. Versorgt sie davon und kleidet sie und sprecht zu ihnen mit freundlichen Worten“ (Qur’an, 4:5) (Awaad et al., 2019).

    Die Gründung des ersten islamischen, psychiatrischen Krankenhauses – des Bimaristan – wurde ebenfalls in Bagdad im 9. Jahrhundert durch den abbasidischen Kalifen Harun al-Rashid vollzogen (Al-Issa, 2000; Khaleel, 2003). Dieses hat nicht nur im Rahmen der Inklusion von psychisch Kranken Geschichte geschrieben, sondern auch das Konzept des psychiatrischen Milieus geprägt: Patienten wurden mit sauberer Kleidung, täglichem Bad, sinnvoller Alltagsgestaltung und gesunder Ernährung versorgt (Awaad & Ali, 2015). Es kamen innovative musik- und massagetherapeutische Ansätze zum Einsatz, die die medizinische und psychotherapeutische Behandlung komplementierten – eingebettet in eine interdisziplinäre Behandlung durch Krankenschwestern, Sozialarbeiter, Seelsorger und Pharmazeuten, die den gesamten Patienten und nicht nur die Krankheit behandelten. Weiterhin wurde darauf Wert gelegt, dass die Krankenhäuser im Herzen der Städte lagen, um die Krankenbesuche zu erleichtern. Die Behandlungskosten wurden dabei vollständig durch das islamische Spendensystem (Zakat) organisiert (Awaad et al., 2018).

    Krankenhäuser nach diesem Vorbild fanden sich ebenfalls in Damaskus, Alexandria und Kairo (Youssef & Youssef, 1996). Das Qalawun Hospital in Kairo zum Beispiel wurde um 1280 eröffnet und war Teil eines größeren Komplexes, der eine Schule, ein Krankenhaus und ein Mausoleum umfasste (Torkey, 2018). Die Idee der Inklusion psychisch kranker Menschen wurde sowohl durch die psychiatrischen Abteilungen in größeren Krankenhäusern als auch eigenständige psychiatrische Krankenhäuser, die Teil eines größeren Gebäudekomplexes waren, vorangetrieben. Dies wirkte Vorstellungen von Besessenheit und der Dämonisierung psychischer Krankheiten entgegen – Vorstellungen, die wir auch heute noch in einer Vielzahl in der muslimischen Community antreffen (Awaad et al., 2018).

    Ein weiteres Merkmal islamischer Krankenhäuser dieser Zeit war, dass Patienten einen Murafiqeen zur Seite gestellt bekamen. So wurde ein „Gefährte“ eines Patienten genannt, der diesen während der Behandlungsphase begleitete und in Fragen der Hygiene, des Essens und des emotionalen Beistands stets zur Seite stand. Dieses Konzept ist in der Idee begründet, dass menschliche Interaktion für eine effektive Behandlung unabdingbar ist. Die Murafiqeen fungierten nicht als Betreuer, sondern explizit als Fürsorger eines Patienten. Murafiqeen wurden weiterhin ergänzt durch Geschichtenerzähler und Musiker, deren Aktivitäten an und für sich therapeutisch waren,eine angenehme Umgebung schufen und die frühen Stadien der modernen Musik und Psychotherapie darstellen (Awaad et al., 2018).

    Referenzen:

    Awaad, R., & Ali, S. (2015). Obsessional Disorders in al-Balkhi′s 9th century treatise: Sustenance of the Body and Soul. Journal of Affective Disorders180, 185-189. doi:10.1016/j.jad.2015.03.003

    Awaad, R., Mohammad, A., Elzamzamy, K., Fereydooni, S., & Gamar, M. (2019). Mental Health in the Islamic Golden Era: The Historical Roots of Modern Psychiatry. In H. S. Moffic, J. Peteet, A. Z. Hankir, & R. Awaad (Eds.), Islamophobia and Psychiatry: Recognition, Prevention, and Treatment (pp. 3-18). Basingstoke, England: Springer.

    Al-Issa, I. (Ed.). (2000). Al-Junūn: Mental illness in the Islamic world. Madison, CT, US: International Universities Press, Inc.

    Khaleel, K. (2003). Science in the name of God: How men of God originated the sciences. Buffalo Grove, IL: Knowledge House.

    Youssef, H. A., & Youssef, F. A. (1996). Evidence for the existence of schizophrenia in medieval Islamic society. History of Psychiatry.

    Torky, T. (2018). Complex of Sultan al-Mansur Qalawun (Mausoleum, Madrasa and Hospital). Web: Discover Islamic Art.