Missbrauch religiöser Autorität: Reputation als Tor zur (virtuellen) Beziehungsanbahnung

von Dr. Silvia Horsch und Dr. Mahmud Kellner


„Im Mai diesen Jahres veröffentlichte Ustadha Zaynab Ansari, eine in Syrien ausgebildete amerikanische Gelehrte, einen Artikel mit dem Titel „Blurred Lines: Women, ‘Celebrity‘ Shaykhs, and Spiritual Abuse“. Der Artikel wurde vielfach kommentiert und in sozialen Netzwerken geteilt. Es geht darin um Beziehungen einiger prominenter Gelehrter bzw. Prediger mit ihren Schülerinnen und Bewunderinnen. Beziehungen, die auf dem Weg der Wissenssuche beginnen und in einer zwar Scharia-konformen, aber heimlichen und meist kurzen Ehe, häufig als Zweit- oder Drittfrau, enden. Dazwischen liegen Facebook-Freundschaftsanfragen und e-mail-Kontakte, Unterhaltungen im Cyberspace, die von Wissensfragen zu persönlichen Themen übergehen und schließlich den Charakter eines Flirts erhalten. Natürlich stellen Gelehrte und Prediger, die solche Beziehungen eingehen, eine kleine Minderheit dar. Ustadha Zaynab Ansari wurde jedoch von so vielen betroffenen Frauen kontaktiert, dass sie sich schließlich veranlasst sah, über dieses Phänomen öffentlich zu sprechen.

„Ach, Amerika“, ist vielleicht der erste Gedanke von vielen, „die Muslime dort sind uns im Guten wie Schlechten um einiges voraus – gut, dass es das bei uns nicht gibt.“ Leider ist jedoch dieses Phänomen auch bei uns vorzufinden. Auch in Deutschland treten einzelne Männer als Gelehrte und Prediger in Erscheinung und nutzen die Autorität, die sie dadurch gewinnen, um Ehen und Beziehungen anzubahnen, die schnell wieder vorbei sind. Es wäre naiv zu glauben, dass die Voraussetzungen, die diesem Phänomen zugrunde liegen und die hier wie in den USA vorhanden sind, nicht auch zu den gleichen Ergebnissen führen würden. Zu diesen Voraussetzungen gehören: der (mediale) Kult um Prediger und Gelehrte, die Möglichkeiten der unbeobachteten Kommunikation zwischen den Geschlechtern im Internet und die Sorglosigkeit, mit der manche, insbesondere junge Menschen in Beziehungen stolpern – denn „̣ḥalāl“ heißt noch nicht verantwortungsbewusst.

Bei den Fällen, von denen wir Kenntnis erhalten haben, handelt es sich um Einzelfälle. Dies sei ausdrücklich betont, da es nicht unsere Absicht ist, Gelehrte oder Prediger allgemein in Verruf zu bringen oder ihnen gegenüber Misstrauen zu säen. Es geht auch nicht darum, öffentlich Namen zu nennen. Unsere Entscheidung, auf die Existenz dieses Phänomens aufmerksam zu machen, hat nur einen Grund: Wir wollen verhindern, dass der Islam und muslimische Gelehrte durch ein solches Verhalten weiter in Verruf gebracht werden und die Liste der geschädigten Frauen verlängert wird. Dabei geht es nicht nur um Frauen, die sich auf derartige Beziehungen eingelassen haben, sondern auch um solche, die von solchen Personen über das Internet belästigt werden. Die Methode dieser Personen soll deutlich werden, damit man bestimmte Muster besser erkennen und gegebenenfalls auch das eigene Verhalten überdenken kann. Auch die Verantwortung der Männer ist dabei angesprochen: Wer mitbekommt, dass ein Bruder seine religiöse Autorität zur seriellen oder gar parallelen Beziehungsanbahnung missbraucht, sollte dies nicht stillschweigend tolerieren, sondern ihn darauf ansprechen – vorausgesetzt, er ist in der Position dazu. Bei den schwarzen Schafen muss die Botschaft ankommen, dass die muslimische Gemeinschaft entschieden gegen den Missbrauch von Frauen und dem Missbrauch des Islams vorgehen soll. Nun zu den Voraussetzungen.“ Weiterlesen

 


Spiritual Abuse – A Community’s Responsibility – Shaykh Rami Nsour

Mitschrift und Übersetzung von Dr. Silvia Horsch


Die islamische Bildungsplattform Rabata veranstaltete im März 2018 ein Webinar zum Thema „Spiritual  Abuse“ in dessen Rahmen Shaykh Rami Nsour dieses Referat hielt. Im Folgenden werden die Inhalte des Vortrags ohne Anspruch auf Vollständigkeit zusammengefasst. Für den genauen Wortlaut sei auf den Mitschnitt des Seminars verwiesen. (https://rabata.org/OLD/cause/spiritual-abuse-webinar/)

Der Referent:

Shaykh Rami Nsour ist in Jordanien geboren und im Alter von neun Jahren in die USA gekommen. Er war bereits während seiner College-Zeit ein Schüler von Shaykh Hamza Yusuf und wurde von ihm ermutigt, nach Mauretanien zu reisen, um dort unter Shaykh Murabit al-Hajj und anderen den Islam zu studieren. Er studierte Fiqh (Islamisches Recht), Aqidah (Glaubenslehren), Arabisch, Iḥsān (spirituelle Läuterung) und Adab (Etikette).

Er hat verschiedene traditionelle Texte übersetzt und unterrichtet bei Seekers Guidance. Er ist Mitbegründer der Taiba-Foundation, die sich um die religiöse Bildung von muslimischen Gefängnisinsassen kümmert. Es ist ihm ein Anliegen, den Unterprivilegierten der muslimischen Community zur Seite zu stehen. Aus dieser Haltung heraus spricht er auch schwierige Themen an, wo er die Notwendigkeit dafür sieht. Zum Thema Spiritual Abuse gibt es von ihm mehrere Beiträge auf der Internetseite InShaykhsClothing.com.

 

Spiritual Abuse – A Community’s Responsibility

Zu Beginn betont Shaykh Rami Nsour die Notwendigkeit, eine offene Diskussion über die Thematik des spirituellen Missbrauchs zu führen. Der Begriff „Spiritual Abuse“ (dt. „spiritueller Missbrauch“) ist in der muslimischen Community umstritten, und einige bezweifeln, dass es das Phänomen überhaupt gibt. Innerhalb des religiösen Personals des Islams (Shaykhs, Gelehrte, LehrerInnen, etc.) besteht dieser Zweifel aber nur bei einer Minderheit. Die Ablehnung des Begriffs kommt oft von Personen, die die jahrelange Diskussion und Arbeit in diesem Bereich nicht verfolgt haben und erst spät in die Diskussion eingetreten sind, weil diese in der jüngeren Zeit populär geworden ist.

Shaykh Rami Nsour bezieht sich für seinen Vortrag auf die Arbeitsdefinition von Spiritual Abuse, die auf der website InShaykhsClothing.com zu finden ist und von Danish Qasim entwickelt wurde, der seit vielen Jahren in diesem Bereich Beratungsarbeit leistet:

„Spiritual abuse is the misuse of religious position. Spiritual abuse is its own general category of offenses that encompasses other specific offenses such as financial misappropriation, secret marriages, bullying, sexual assault, molestation, exploitation, manipulation, and psychological harm.“

„Spiritueller Missbrauch ist der Missbrauch einer religiösen Position. Spiritueller Missbrauch ist eine eigene allgemeine Kategorie die andere spezifische Vergehen beinhaltet, wie z.B. Unterschlagung von Finanzmitteln, geheime Ehen, Mobbing, sexuelle Übergriffe, Belästigung, Manipulation und psychologische Schädigung.“

In seinem Vortrag beschäftigt sich Shaykh Rami Nsour nicht mit Verbrechen gegen Personen, die justiziabel sind, sondern mit unterliegenden Mustern im Verhalten der Täter und Täterinnen sowie den Reaktionen der Community.

Spiritueller Missbrauch kann auf vielen verschiedenen Ebenen stattfinden: in der Beziehung zwischen Ehepartnern, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Lehrern und Schülern, zwischen einem Shaykh und seinem Murīd (Anhänger) sowie am Arbeitsplatz, wenn dieser eine religiöse Dimension aufweist.

Aus seiner eigenen Erfahrung im Unterricht über die Rechte der Eltern berichtet er, dass oft die Frage auftaucht, wie mit diesen Rechten im Fall von Missbrauch umzugehen ist. Mit anderen Worten: Was tun, wenn die Eltern die Religion benutzen, um ihre Kinder zu manipulieren (auch wenn diese bereits erwachsen sind). Es kommt z.B. vor, dass ein Elternteil einfach etwas, was das Kind tut, nicht mag und dann religiöse Argumente ins Feld führt, um das Kind unter Druck zu setzen. Diese Beispiele zeigen, dass die Idee des Respekts gegenüber den Eltern auf eine gesunde Art und Weise verstanden werden muss.

Wenn Autorität religiös sanktioniert ist, kann sie besonders leicht missbraucht werden. Beispiele aus seiner eigenen Beratungspraxis sind z.B. Eheprobleme, die entstehen, wenn ein Mann seiner Mutter auf Kosten seiner Ehefrau mehr Rechte gibt, als ihr zustehen, damit der Ehefrau Rechte nimmt und dies mit religiösen Argumenten rechtfertigt. Durch die Verwendung religiöser Argumente kommt die Ebene des spirituellen Missbrauchs hinzu.

Zwei Hauptpunkte hält Shaykh Rami Nsour fest, die spirituellen Missbrauch begleiten, ihn ermöglichen und aufrechterhalten: I Die Verwendung subjektiver Empfindungen und Aussagen anstatt von gültigen Scharia-Regeln, und II Gemeinhaltung.

Wichtig ist, dass es sich bei spirituellem Missbrauch nicht um gelegentliche Fehler einer religiösen Autoritätsperson handelt, sondern um ein Verhaltensmuster. Wenn Personen nicht nur sporadisch Fehler machen, sondern regelmäßig andere verletzen, handelt es sich um ein Verhaltensmuster.

Mit Personen, die ein solches Verhaltensmuster aufweisen, ist anders umzugehen als mit Personen, die sporadisch Fehler machen. Das betrifft verschiedene Bereiche. Es ist im Islam z.B. erstrebenswert und empfohlen, anderen Menschen zu vergeben. Diesen Grundsatz kann man aber nicht in allen Fällen anwenden. Tut man das dennoch, kann das spirituellen Missbrauch ermöglichen. Al-Qurtubi [ein anerkannter klassischer Korankommentator des 13. Jahrhunderts] führt zu einem Vers zur Vergebung an, dass dieses Prinzip nur gilt, wenn es sich nicht um ein Verhaltensmuster handelt. Wenn also jemand ständig die Rechte anderer verletzt, insbesondere aus einer Position der religiösen Autorität heraus, und dann von den Geschädigten verlangt wird, dass sie dieser Person vergeben, weil Vergebung besser sei, kommt eine weitere Ebene des spirituellen Missbrauchs zu der ursprünglichen Verletzung hinzu.

Ein wichtiges Prinzip unserer Gemeinschaft und unserer Religion ist, dass wir basierend auf dem Äußeren urteilen. Das Herz zu beurteilen, ist Allah überlassen. In einem bekannten Hadith sagte der Prophet, Friede und Segen seien auf ihm, dass ihm befohlen wurde, nach dem Äußeren zu urteilen. Hätte er in den Fällen, die ihm vorgetragen wurden, aufgrund von Offenbarung geurteilt, gäbe es nichts, wonach wir uns nach seinem Tod und dem Ende der Offenbarung richten könnten. Er etablierte für uns diese Methode, damit wir damit arbeiten können.

Wir schauen also auf die Handlungen und auf die Bewertung der Handlung durch die Scharia. Wichtig ist außerdem, Experten hinzuziehen – in diesem Fall Mental-Health-Experten, denn sie sind diejenigen, die Traumata einschätzen und analysieren können. Ein Rechtsgelehrter kann nicht unbedingt Traumata einschätzen. Weiterhin sollte man das schūra-Prinzip [Beratung] befolgen und Leute aus der Community hinzuziehen, die nicht unbedingt Gelehrte sein müssen. Die Thematik sollte nicht den Gelehrten alleine überlassen werden, und die Gelehrten sollten dies auch nicht beanspruchen, denn das würde einen Tunnelblick zur Folge haben.

Zu den zwei Hauptpunkten:

I Subjektive Empfindungen/Aussagen (Subjective Sentiments/Statements)

Als Mitglieder der Gemeinschaft müssen wir solche Aussagen erkennen und nicht gelten lassen. Im Folgenden werden einige typische Aussagen aufgeführt, die in Fällen von spirituellem Missbrauch verwendet werden. Gemeinsam ist allen Aussagen, dass sie eine Analyse der konkreten Situation verhindern:

„Du verstehst seine/ihre Absicht nicht!“

Zu dieser Aussage wird oft der Hadith angeführt, demzufolge die Handlungen nach den Absichten bewertet werden. Diese Bewertung betrifft aber die Bewertung Allahs, die Menschen urteilen, wie erläutert, nicht nach den Absichten (die sie letztlich nicht ergründen können), sondern nach dem äußeren Anschein. Gute Absichten machen zudem Handlungen nicht automatisch gut.

„Habe adab [gutes Benehmen] gegenüber dieser Person!“

Wenn jemand z.B. mit dem Vorschlag zu einer heimlichen Heirat konfrontiert wird oder um Geld gebeten wird, dies berichtet und daraufhin diese Aussage zur Antwort bekommt, muss man feststellen, dass auch hier wieder ein subjektiver Begriff verwendet wird. Solche Aussage sind in diesen Fällen ein Warnzeichen, dass hier etwas nicht in Ordnung ist. Richtig wäre, zunächst die Situation zu analysieren. Die Aufforderung, adab zu haben, verhindert, dass die Situation analysiert wird. In solchen Fällen müssen die Alarmglocken läuten.

 „Er/sie ist ein wali Allahs [eine/e Heilige/r]“

Wer diese Formulierungen benutzt, versucht wiederum, eine Analyse der Situation zu verhindern. Der Prophet, Friede und Segen seien auf ihm, schaute jedoch auf die Situation: Als eine Frau von hohem Ansehen gestohlen hatte, sagte er, er würde die Strafe auch anwenden, wenn es sich bei der Diebin um Fatimah handele. Regeln müssen also ohne Ansehen der Person angewendet werden.

„Sie haben viel ʿibādah (Gottesdienste)!“

Auch diese Aussage soll die Gemeinschaft dazu anhalten, spirituellen Missbrauch nicht zu thematisieren, und ermöglicht dadurch, dass er weitergeht. Walī, adab etc. sind Konzepte, die für die Muslime von großer Bedeutung sind und sie dadurch unter Druck setzen.

„Sie haben so vielen Menschen genützt.“ oder „Sie sind Gelehrte!“

Dahinter steht die Annahme, dass Gelehrte keine Fehler machen. Shaykh Rami Nsour berichtet von dem Fall eines Mannes, der über Jahre öffentlich von einem Hafidh [= jemand, der den Koran auswendig kann] gemobbt wurde und einfach nicht verstehen konnte, dass dieser so etwas macht, wo er doch Hafidh ist. Er musste ihm erklären, dass Gelehrsamkeit Fehler und Sünden nicht ausschließen.

Diese Thematik wird bereits in älteren Werken behandelt: Shaykh Rami Nsour erwähnt das Buch von Sidi Ahmad Zarruq The Abuse of a Shaykhs Position. Sidi Ahmad Zarruq führt u.a. an, dass auch Qarūn und Iblīs Wissen hatten, dies machte sie jedoch nicht zu guten Menschen, bzw. Wesen. Es gibt eine Überlieferung der zufolge am Jüngsten Tag Menschen im Paradies sein werden, die ihre Lehrer in der Hölle vorfinden. Sie fragen sie, wie das sein kann, wo sie doch selbst aufgrund dessen, was sie von ihnen gelernt haben, im Paradies sind. Sie werden antworten, dass sie nicht angewandt haben, was sie gelernt und gelehrt haben. Ein Shaykh kann also mit seinem Wissen anderen helfen, aber sich selbst schaden, weil er es nicht anwendet.

In dem bekannten Missbrauchs-Fall in Chicago machte die Betroffene die Erfahrung, dass die Muslime aus der Community zu ihr sagten – nachdem sie wussten, um wen es sich beim Täter handelt -: „Aber er ist ein Shaykh.“ Wer glaubt, dass ein walī nichts Schlechtes tun kann (auch walī ist ein subjektiver Begriff, denn wer wirklich ein walī ist, weiß Allah allein), wird in solchen Fällen 1000 Gründe finden, warum dieser nichts tun kann, was harām (verboten) ist.

„Diese Person ist als Gelehrter ein Erbe des Propheten.“

Dass die Gelehrten Erben der Propheten sind, geht aus einem bekannten Hadith hervor. Hier handelt es sich um ein Missverständnis, das viele Probleme verursacht: Ein Gelehrter kann zu der Überzeugung kommen, dass ihm als Erbe des Propheten Dinge zustehen, die dem Prophet zustanden. Da dem Propheten Menschen dienten, kann er oder sie glauben, dass ihm auch gedient werden sollte. Oder weil der Prophet mehrere Frauen hatte, kann er glauben, dass ihm auch mehrere Frauen zustehen. Auch dieses Problem wird von Sidi Ahmad Zarruq in seinem Buch angesprochen, der deutlich macht, dass Gelehrte zwar Erben im Wissen und auch in Stationen der Exzellenz sind, damit aber keine Ansprüche auf Dienst oder auf Ruhm verbunden sind. Tatsächlich benutzen jedoch manche Schaykhs dieses Argument, um Dienste anderer für sich in Anspruch zu nehmen.

Viele der genannten Argumente, so auch dieses, können einfach mit dem gesunden Menschenverstand adressiert werden. Die Frage des Dienstes für einen Shaykh wird durch den sozialen Vertrag (social contract) zwischen dem Shaykh und demjenigen der ihm oder ihr dient, geregelt. Wichtig ist, dass die Bedingungen dieses Vertrages verbalisiert werden. Es gibt drei Modelle dieses Vertrags:

  1. Dienst gegen Mentorentätigkeit – In diesem Fall wird der Dienst durch Unterricht entlohnt.
  2. Dienst gegen Bezahlung
  3. Dienst fī sabīlil Llāh („auf dem Wege Allahs“, d.h. ohne Gegenleistung, nur um das Wohlgefallen Gottes willen): In diesem Fall kann der Dienst nicht eingefordert werden, und die Dienste können jederzeit beendet werden.

In allen drei Fällen sind die Bedingungen klar. Wenn aber nicht klar ist, um welchen Fall es sich handelt, gibt es Raum für Probleme und es kommt z.B. zu Forderungen von Seiten des Shaykhs („Du dienst mir nicht genug!“). Um spirituellen Missbrauch zu vermeiden, muss der soziale Vertrag zwischen den religiösen Autoritätspersonen und denen, die ihnen dienen, klar formuliert werden, und die Bedingungen sollten verbalisiert werden.

„Du darfst nicht schlecht von ihm/ihr denken (sūʾ adh-dhann)!“ oder

„Du solltest die Fehler von anderen nicht offenlegen, damit Allah deine Fehler nicht offenlegt.“

Beides sind islamische Prinzipien, die aber nicht in allen Fällen zutreffen. Sie treffen nicht auf Menschen zu, die das Verhaltensmuster aufweisen, andere Menschen zu unterdrücken.

Zu sūʾ adh-dhann („Annahme von etwas Schlechtem“) ist es wichtig, zu wissen, dass dies in bestimmten Fällen nicht nur erlaubt, sondern sogar gefordert ist. Wenn man diese Fälle nicht kennt und grundsätzlich immer ḥusn adh-dhan („Annahme des Guten“) anwendet, öffnet man ein Tor für spirituellen Missbrauch. Sidi Ahmad Zarruq nennt drei Fälle, in denen man sūʾ adh-dhann anwenden muss:

  • In der Religion (dīn), d.h. wenn man beginnt, mit jemandem zu studieren, prüft man dessen Kenntnisse und Empfehlungen. Ein Problem hierbei ist, dass der Begriff Shaykh mehrdeutig ist. Man muss verstehen, in welchen Bereichen jemand Experte ist und in welchen nicht. So ist ein Fiqh-Gelehrter nicht automatisch auch eine Autorität für Koran, usw.
  • Familie, d.h. wenn man z.B. seine Kinder in der Aufsicht von jemandem lässt, prüft man diese Person.
  • Besitz, d.h. bevor man mit jemandem Geschäfte macht, prüft man dessen Vertrauenswürdigkeit und Geschäftstüchtigkeit.

 

II Geheimhaltung

Geheimhaltung ist ein wichtiger Hinweis auf problematisches Verhalten. So können z.B. Lehrer ihre Studenten in einen elitären Zirkel hineinziehen, von dem nicht viel nach außen dringt, und hier Grenzen überschreiten.

Leider werden im Bereich der Religion oft Vorsichtsmaßnahmen vernachlässigt, die man in jedem anderen Bereichen befolgen würde. Es ist wichtig zu wissen, dass es auch und besonders im religiösen Bereich Narzissten gibt. Narzissmus ist innerhalb des religiösen Personals sogar stärker verbreitet als in der Durchschnittsbevölkerung, was daran liegt, dass viele Menschen im religiösen Bereich weniger Vorsichtsmaßnahmen treffen und schneller vertrauen. Der religiöse Bereich ist daher ein gutes Versteck für Narzissten. Es ist daher von großer Bedeutung für die Prävention von spirituellem Missbrauch, über Narzissmus und die damit verbundenen Verhaltensweisen aufzuklären.

Geheimhaltung muss verhindert werden. Das fängt bei den Kindern an. Man darf Kindern nicht erlauben, dass sie mit dem Koranlehrer Geheimnisse vor ihren Eltern haben. Wenn jemand zu den Kindern sagt: „Behalte das als Geheimnis!“, müssen die Kinder gelernt haben, dass das falsch ist. Alle oben genannten Aussagen werden auch verwendet, um Geheimhaltung herzustellen und aufrecht zu erhalten.

 

Fallbeispiele

Shaykh Rami Nsour berichtet von einem Fall aus seiner Beratungspraxis: Ein bereits verheirateter Schaykh will eine zweite Frau heiraten und schlägt einer seiner langjährigen Studentinnen die Ehe unter der Bedingung vor, dass niemand aus ihrer oder seiner Familie oder der Community davon erfährt. Aufgrund von „adab mit dem Shaykh“ lässt sie sich darauf zunächst ein, obwohl sie, wie sie auf Nachfrage bestätigt, bei einem „normalen Muslim“ niemals so verfahren wäre. Aber sie stellt Fragen, z.B. wer ihr walī [Vormund] sein soll, wenn ihr Vater davon nichts wissen soll. Daraufhin bezeichnet sich der Shaykh als „ihren spirituellen Vater“ und reagiert auf ihre Fragen mit dem Vorwurf, dass sie ihn anzweifeln würde. Shaykh Rami Nsour, von dem sich die betreffende Frau beraten ließ, konfrontierte Personen aus dem Umfeld des Shaykhs mit diesem Verhalten, und die Antwort war u.a. „Er macht viel daʿwa [Einladung zum Islam] in Amerika!“.

In einem anderen Fall belästigte ein junger Shaykh im Tariqa-System, der vom Shaykh als Vertreter eingesetzt worden war, aber kaum kontrolliert wurde, junge Frauen. Er nutzte seine Position als Shaykh, um Kontakt zu den Frauen herzustellen und missbrauchte sie für Nachrichten mit sexuellem Inhalt.

 

Frage

Antworten auf Fragen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Webinars:

Sollte man die Namen der Täter nennen?

In der Nennung von Namen liegt u.s. das Problem, dass diejenigen, die Fehlverhalten von religiösen Autoritätspersonen öffentlich machen, schnell zu Außenseitern gemacht werden. Shaykh Rami Nsour verfolgt einen Ansatz der Aufklärung und Prävention, der ohne die Nennung von Namen auskommt. Hilfreiche Ressourcen finden sich bei Organisationen, die sich zum Teil schon sehr lange mit der Thematik beschäftigen, wie Faith Trust Institute; neu ist das Hurma-Project von Prof. Ingrid Mattson und die website inshaykhsclothing, zu der Shaykh Rami Nsour selbst beiträgt. Spiritueller Missbrauch sollte auch Thema in den höheren Levels der religiösen Erziehung sein. Handelt es sich jedoch um Rechtsverletzungen, gegen die rechtlich vorgegangen werden kann, insbesondere im Fall von Kindesmissbrauch, sollten die rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden und auch die Namen öffentlich gemacht werden.

In vielen Fällen geht es aber nicht um rechtliches, sondern um ethisches Fehlverhalten, das nicht justiziabel ist. Ein häufiger Einwand im Fall von heimlichen Zweitehen ist z.B., es handele sich hierbei doch um einvernehmliche Beziehungen zwischen zwei Erwachsenen. Diese Argumentation berücksichtigt aber nicht die dahinterstehende Machtdynamik.

Wichtig ist, dass nicht nur die Missbraucher (und Missbraucherinnen, da es sich nicht nur um ein Problem männlicher Shaykhs handelt) zur Verantwortung zu ziehen sind, sondern auch die Community und diejenigen, die in Strukturen Verantwortung tragen.