Mit dem Namen ALLAHs, des Barmherzigen, des Allerbarmers, bismi ʾllāhi ʾr-raḥmāni ʾr-raḥīm

Kategorie: Allgemein

  • Blogreihe: Islam und Psychologie – Gegenstand und Geschichte – Teil 20

    Zwischenfazit

    Muslimische Psychologen der Gegenwart können auf eine großartige psychologische Ideengeschichte in den Werken muslimischer Gelehrter zurückblicken. Über einen Zeitraum von 14 Jahrhunderten haben diese während der Blütezeit des Islams (9.–13. Jahrhundert), der sogenannten Phase des Niedergangs (14.–19. Jahrhundert) und während der Phase der Wiederbelebung (20./21. Jahrhundert) psychologische, psychotherapeutische und psychiatrische Themen bearbeitet. Grundlegende psychologische Ideen und Theorien sowie psychologische Behandlungspraxis standen dabei im Zentrum des Interesses. Insbesondere während der letzten 40 Jahre haben muslimische Psychologen in der englischsprachigen Literatur begonnen, auf diese Tradition zurückzugreifen und den Versuch unternommen, einen modernen Entwurf einer islamischen Psychologie zu erarbeiten. Ein solcher Versuch lässt sich in der arabischen Literatur bereits 30 Jahre vor der englischsprachigen Literatur vorfinden, eine Systematisierung steht jedoch noch aus.

    Die Gegenwartsliteratur wurde maßgeblich durch die prosperierende psychologische Wissenschaft im Westen stimuliert. Aus dieser Reaktion herauslassen sich zwei distinkte Stadien der Theorieentwicklung erfassen: Im Verlauf der 70er, 80er und 90er Jahre haben muslimische Psychologen vor allem ihren Standpunkt gegenüber der westlichen Psychologie definiert (Stadium der Identitätsfindung). Die Positionen reichen dabei von einer unkritischen Übernahme westlicher Theorien bis zur kompletten Ablehnung der wissenschaftlichen Psychologie und der Etablierung einer Theorie der menschlichen Natur ausschließlich auf Basis islamisch-religiöser Vorstellungen. Seit Mitte der 90er Jahre haben muslimische Psychologen begonnen, vermehrt an der Entwicklung eines eigenen Referenzrahmens für eine islamische Psychologie zu arbeiten (Stadium des Veränderungsanspruches). Dabei lässt sich eine tendenziell theoretisch-orientierte islamische Psychologie, die ihre Annahmen entscheidend aus den islamischen Quelltexten ableitet, von einer empirisch-orientierten islamischen Psychologie unterscheiden, die sich empirisch mit Muslimen beschäftigt. Auch lässt sich eine Position ausmachen, die beide Ansätze miteinander in Einklang bringt. Eine grundlegende Fragestellung während des weiterhin andauernden Stadiums des Veränderungsanpruches ist, was islamisch an einer islamischen Psychologie ist bzw. sein kann oder soll.

    Muslimische Psychologen haben einen thematisch und methodologisch breitgefächerten Literaturkorpus erarbeitet, in dem eine islamische Psychologie lediglich eine Arbeitslinie einer größeren intellektuellen Strömung darstellt, die sich als Islam und Psychologie-Strömung bezeichnen lässt. Diese Strömung umfasst sowohl grundlagenwissenschaftliche als auch anwendungsorientierte Arbeitslinien, die in den letzten Jahren vermehrt in die praktische Psychologie getragen werden konnten. Grundlagenwissenschaftlich spielt eine große Rolle, wie genau der Dialog zwischen islamischen und psychologischen Gegenstandsbereichen ablaufen kann. Weiterhin stehen islamisch-psychologische Schlüsselkonzepte wie Nafs, Qalb, ‘Aql, Ruh und Fitra und darauf basierende Persönlichkeitstheorien im Fokus der Aufmerksamkeit. Die anwendungsorientierte Literatur kann unterschiedlich konzeptualisiert werden; wir haben diese dreiteilig dargestellt in: islamischen Therapieformen und Beratungspraxis, kultursensiblen Ansätzen und Muslim Mental Health-Arbeiten. Inzwischen lässt sich weltweit eine wachsende Anzahl von universitären und klinischen Ausbildungsprogrammen verzeichnen, die sich auf die bisher stattgefundene Theoriearbeit beziehen, die aber dringend weiterer theoretischer, insbesondere wissenschaftstheoretischer Fundierung bedarf.

    Wir haben in diesem Buchkapitel versucht, die relevante Literatur für die verschiedenen Bereiche der Islam und Psychologie-Strömung systematisch darzustellen. Dies soll dem Leser einen Kompass zur Navigation durch die Publikationslandschaft an die Hand zu geben. Im folgenden Abschnitt werden wir die Gegenwartsliteratur einer kritischen Würdigung unterziehen.

    In 2 Wochen werden wir die besprochenen Inhalte kritisch würdigen.

    Über diese Blogreihe

    Nachdem wir uns im IASE Blog bereits den Themenfeldern „Die Terra Incognita der islamischen Psychologie“ und den „Instituten und Vereinigungen muslimischer Psychologen“ zugewandt haben, beschäftigen wir uns in dieser Blogreihe detaillierter mit der Literatur zum Thema islamische Psychologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrem Gegenstand. Diese Blogreihe erscheint alle zwei Wochen am Sonntag. Die Inhalte sind aus der theoretischen Einführung in den Sammelband „Islam und Psychologie – Beiträge zu aktuellen Konzepten in Theorie und Praxis“ entnommen, der zum Beispiel hier erhältlich ist. Darin findet Ihr auch ein Literaturverzeichnis für die verwendeten Quellen.

  • Nachruf auf Dr. Malik Badri

    As-salamu alaikum!

    In diesem Blogbeitrag möchten wir Euch die deutsche Übersetzung eines Nachrufs auf Dr. Malik Badri zur Verfügung stellen. Der Nachruf wurde von Dr. Rania Awaad verfasst und von Dr. Ibrahim Rüschoff übersetzt. Das Original ist hier einzusehen.

    Der Vater der modernen islamischen Psychologie: Das Vermächtnis von Dr. Malik Badri

    Rania Awaad

    Dr. Badri war ein Pionier der modernen islamischen Ansätze in der Psychologie, der unzählige Studenten auf diesem Gebiet beeinflusste, durch die sein Vermächtnis weiterlebt.

    „Mach dir keine Sorgen, Malik, Freud unterschreibt ihre Gehaltsschecks!“ Mit diesen Worten tröstets ein Freund den kürzlich verstorbenen Vater der modernen islamischen Psychologie, Dr. Malik Badri, als er sich bei ihm darüber beklagte, dass er von anderen Psychologen, darunter auch Muslimen, verspottet wurde, als er in den 1960er Jahren versuchte, ihnen ein islamisches Konzept der Psychologie vorzustellen.

    Nach seiner Ausbildung zum Psychologen in Großbritannien, nach dem Grundstudium in seinem Heimatland Sudan und seinem Bachelor- und Master-Abschluss an der American University of Beirut wurde Dr. Badri zum Fellow der British Psychological Society gewählt.

    Während er das Gefühl hatte, dass vieles aus seiner Ausbildung der muslimischen Gemeinschaft zugute kommen könnte, wurde er Zeuge, wie andere muslimische Psychologen pauschal den streng säkularen Rahmen der westlichen Psychologie übernahmen, in dem kein Platz für Religion oder Spiritualität war.

    Dr. Badri war sehr besorgt über die ernsten kulturellen und ideologischen Dilemmata, die sich aus dem ergeben würden, was er als „ethnozentrischen, wahllosen Export der säkularen westlichen Psychologie“ in muslimische und Dritte-Welt-Länder unter dem Deckmantel der „wissenschaftlichen Überlegenheit“ des Westens bezeichnete. Er war besonders besorgt darüber, dass Psychologiestudenten in muslimischen Ländern „den Kern der Psychologie mit der Nussschale verschlucken und das Baby mit dem schmutzigen Wasser behalten.“

    Dies führte dann zur Veröffentlichung von Dr. Badris berühmtem Aufsatz „Muslim Psychologists in the Lizard’s Hole“, gefolgt von seinem meistverkauften Buch „The Dilemma of Muslim Psychologists“, das 1979 in London erschien. Dieses Opus magnum hat zusammen mit Dr. Badris zahlreichen anderen Büchern viele dazu inspiriert, die unkritische Akzeptanz westlicher psychologischer Theorien und Praktiken abzulehnen und sie stattdessen gemäß einer islamischen Weltsicht zu überarbeiten.

    Von dort aus eröffnete sich für Dr. Badri ein weiterer wichtiger Weg: die Untersuchung der Werke früher muslimischer Gelehrter, die zu dem Bereich beigetragen haben, den wir heute als Psychologie bezeichnen. Welchen besseren Weg gibt es, Muslimen die Vorteile der Psychologie nahe zu bringen, als ihre ursprünglichen Wurzeln in den Werken früher muslimischer Gelehrter zu finden?

    Die ursprünglichen Beiträge muslimischer Gelehrter und Ärzte sind jedoch von modernen westlichen Historikern der Psychologie weitgehend ignoriert worden, manchmal sogar absichtlich. Heute beginnen Lehrbücher der Psychologie oft mit der Würdigung der Werke der Griechen und Römer und überspringen dann Jahrhunderte bis zur europäischen Renaissance, als ob die Welt dazwischen mehr als tausend Jahre lang in literarischer Ignoranz versunken wäre.

    Das Wort Renaissance bedeutet Wiedergeburt, was impliziert, dass Europa versuchte, die toten Wissenschaften der klassischen Griechen wiederzubeleben. Aber die Wissenschaft war eigentlich nie gestorben. Die Muslime übernahmen die Wissenschaft der Griechen, verfeinerten und entwickelten sie weiter, bevor sie sie an Europa weitergaben.

    In dieser Situation wurde Dr. Badri von seinem Kollegen Professor Mehdi Mohaghegh auf ein Manuskript von Abu Zayd al-Balkhi aus dem neunten Jahrhundert aufmerksam gemacht, das von Professor Fuat Sezgin in der Ayasofya-Bibliothek in Istanbul entdeckt wurde und den Titel Masalih al-Abdan wa al-Anfus (Nahrung für Körper und Seelen) trägt.

    Dr. Badri übernahm die Aufgabe, eine psychohistorische Abhandlung über al-Balkhis Manuskript auf Arabisch zu schreiben und übersetzte dann den psychotherapeutischen Teil des Manuskripts ins Englische, der nun den Titel Sustenance of the Soul (Nahrung der Seele) trägt.

    Dr. Badri zeigte treffend, dass al-Balkhi möglicherweise der erste Gelehrte war, der klar zwischen Psychosen und Neurosen, d.h. zwischen geistigen und psychischen Störungen, differenzierte. Darüber hinaus waren al-Balkhis Klassifizierung der emotionalen Störungen auffallend modern; er teilte psychische Erkrankungen in vier übergreifende Kategorien ein: Angst und Panik, Wut und Aggression, Traurigkeit und Depression sowie Manie. Darüber hinaus war al-Balkhi wahrscheinlich der erste in der Geschichte, der eine verfeinerte kognitive Verhaltenstherapie (CBT) entwickelte und deren Anwendung für jede der von ihm klassifizierten Störungen illustrierte.

    An diesem Punkt kreuzte sich mein Weg zufällig mit dem von Dr. Badri. Da ich selbst in den klassischen islamischen Wissenschaften ausgebildet wurde, bevor ich mich zum Psychiater ausbilden ließ, war ich entschlossen, die Werke der frühen muslimischen Gelehrten und ihr Verständnis der multidisziplinären Wissenschaft aufzudecken, die „ilm ul-nafs“ oder das Studium des Selbst genannt wird.

    Beim Durchstöbern von Hunderten von Originalmanuskripten, die vom siebten bis zum sechzehnten Jahrhundert reichten, stieß ich auf Abu Zayd al-Balkhis Originalmanuskript aus dem neunten Jahrhundert und später auf Dr. Badris arabische Kommentierung. Als ausgebildete Psychiaterin habe ich sofort die Verbindung zwischen al-Balkhis diagnostischer Klassifikation und dem DSM-5 erkannt. In einigen Fällen stimmten die Beschreibungen von al-Balkhi (9. Jahrhundert) Punkt für Punkt mit dem DSM-5 (2013) überein.

    Ich ging das Risiko ein und schrieb eine E-Mail an Dr. Badri, in der ich mich vorstellte, teilte meine Ergebnisse und meinen Plan mit, sie in doppelt verblindeten, von Experten begutachteten medizinischen Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Zu meinem absoluten Erstaunen nahm sich Dr. Badri die Zeit, mir zurück zu schreiben.

    Später erfuhr ich von seiner Frau in einer Online-Würdigung, dass er sich die Zeit nahm, auf jede einzelne Nachricht zu antworten, die an ihn geschickt wurde. In seiner E-Mail-Antwort beglückwünschte er mich und ermutigte mich, diesen Weg der Forschung weiterzugehen. Er teilte mir auch die gute Nachricht mit, dass er gerade dabei war, sein berühmtestes Werk ins Englische zu übersetzen: al-Balkhis Manuskript.

    Mit dem Segen von Dr. Badri reichte ich meine Arbeit bei medizinischen Fachzeitschriften ein. Nach Durchsicht meiner Manuskripte schrieben die medizinischen Fachzeitschriften zurück, dass meine Behauptungen „unorthodox“ seien und sie meine Arbeit von Medizinhistorikern überprüfen lassen müssten. Nach vielen langen Monaten des Wartens – und während derer ich mir sicher war, dass die Papiere abgelehnt werden würden – schrieben die Historiker schließlich zurück und bestätigten meine Behauptungen: al-Balkhi war in der Tat wahrscheinlich der erste, der psychiatrische Krankheiten wie Zwangsstörungen und Phobien korrekt klassifizierte, diagnostizierte und funktionelle Behandlungen vorschlug – ein ganzes Jahrtausend vor den europäischen Psychiatern, denen diese Entdeckungen zugeschrieben wurden! Sie gingen sogar so weit zu sagen, dass meine Artikel die Geschichte der Psychologie neu schreiben und die Erzählungen umstoßen, die muslimische Beiträge zu dem Gebiet, das heute als Psychologie bekannt ist, entweder herunterspielen oder absichtlich auslassen.

    Dr. Badri war sehr stolz auf diesen Meilenstein. Dieser Durchbruch führte dazu, dass ich der Geschichte des Islam und der Psychologie in meinem Institut, dem Stanford Muslim Mental Health Lab an der Stanford University, eine ganze Forschungslinie widmete. Heute fahren wir fort, die Schätze der muslimischen Vorgänger auf dem Gebiet der Psychologie zu heben – ein Gebiet, das sie sehr ernst nahmen und zu dem sie viel beigetragen haben. Dr. Badri war ein Pionier der modernen islamischen Ansätze in der Psychologie, der unzählige Studenten auf diesem Gebiet beeinflusste, durch die sein Vermächtnis weiterlebt.

    Einige Jahre später, als Dr. Badri Professor an der Istanbuler Sabahattin-Zaim-Universität in der Türkei war, leitete ich meinen Zwischenstopp in Istanbul auf dem Rückweg von einer Konferenz für islamische Psychologie in Pakistan ein, um ihn wieder zu besuchen. Da wir in Istanbul waren, sagte er, dass er eine Überraschung für mich hätte, und zog aus seinem Bücherregal das Originalmanuskript heraus, das er vor all den Jahren benutzt hatte, um al-Balkhis „Sustenance of the Soul“ zu übersetzen und zu kommentieren, eine Leihgabe der Ayasofya-Bibliothek! Es war, als ob ich Zeuge wurde, wie sich die Geschichte direkt vor meinen Augen entfaltete. Es war ein surrealer Moment, der so perfekt einfing, wie Dr. Badris Hingabe, den ganzheitlichen islamischen Rahmen des Wohlbefindens zurück in die Psychologie zu bringen, nicht nur mich tief inspirierte und transformierte, sondern auch die zahllosen Studenten, die er an Universitäten in ganz Afrika, Asien, Europa und dem Nahen Osten und in von ihm gegründeten islamischen Psychologiezentren und -vereinigungen unterrichtete, die er während seines Lebens gründete.

    Während dieses letzten persönlichen Besuchs bei Dr. Badri hatte ich auch die Gelegenheit, eine weitere Überraschung mit ihm zu teilen – die aufregende Nachricht, dass die Stanford University die erste Universität in den USA sein würde, die einen vollständigen, permanenten Kurs über islamische Psychologie in ihr Angebot aufnimmt. Ich war glücklich über die Gelegenheit, diesen nächsten Meilenstein mit ihm zu feiern. Er verbrachte Stunden mit mir, um zu skizzieren, was in meinem Kurs gelehrt werden sollte, und dafür werde ich und viele zukünftige Studenten der islamischen Psychologie für immer in seiner Schuld stehen.

    Scherzhaft, aber mit einer Portion Wahrheit, sagte er zu mir: „Hätte mir damals in den 1960er Jahren jemand gesagt, dass eine amerikanische Universität eines Tages einen islamischen Psychologiekurs in ihrem Studienangebot haben würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt!“ Er hatte immer einen großartigen Sinn für Humor, den wir schmerzlich vermissen werden.

    Ich bin so dankbar, dass Dr. Malik Badri die Gelegenheit hatte, die Wiederbelebung der islamischen Psychologie zu seinen Lebzeiten mitzuerleben und zu sehen, wie seine unermüdliche Arbeit begann, Früchte zu tragen. Heute gibt es weltweit mehrere Konferenzen zur islamischen Psychologie, die von Tausenden von Interessierten besucht werden. Es gibt Kurse, Workshops, Bücher, theoretische und klinische Anwendungen, die alle der Rückgewinnung und Förderung des Feldes der islamischen Psychologie gewidmet sind. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass all dies auf Dr. Badri zurückgeführt werden kann.

    Dr. Malik Badri wird immer mein Vorbild für einen nicht apologetischen Muslim in der akademischen Welt und einen glühenden Anhänger der prophetischen Sunna sein. Er wird immer mein Held sein, weil er einen Weg für Kliniker und Forscher wie mich aufgezeigt hat, wie man das „Baby“ vom „Badewasser“ trennt, um die nützlichen Aspekte der westlichen Psychologie zu extrahieren, um anderen Muslimen zu helfen.

    Er wird immer als der Wiederbegründer der modernen islamischen Psychologie-Bewegung angesehen werden und maßgeblich an den Bemühungen beteiligt sein, die Seele zurück in die Psychologie zu bringen. Mein Gebet ist, dass die Schüler von Dr. Malik Badri sein Vermächtnis und seine Werke weiterführen, damit sie für ihn als sa-daqah jariyah, fortlaufende Wohltätigkeit, gezählt werden.

  • Blogreihe: Islam und Psychologie – Gegenstand und Geschichte – Teil 19

    IP Aktivitäten in Deutschland

    Dieser Sammelband gehört zu den ersten Arbeitsergebnissen der im Februar 2015 ins Leben gerufenen Islam und Psychologie Forschungsgruppe der Islamischen Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe e. V., deren Aktivitäten wir hier als Beispiel für die Arbeit in der deutschen Islam und Psychologie-Szene exemplarisch skizzieren möchten. Ziel der Gruppe ist es, einen umfassenden Überblick über die existierenden Veröffentlichungen im Bereich Islam und Psychologie zu gewinnen und diese der breiten Masse zugänglich zu machen. Dazu stehen vier Arbeitsschwerpunkte im Zentrum: die Übersetzungsarbeit zur Bestandsaufnahme und -analyse der bestehenden Literatur, die Theorieentwicklung aufbauend auf dieser Bestandsaufnahme und -analyse, die Beschreibung sozialer Netzwerke muslimischer Psychologen auf einer europäischen und internationalen Ebene und die langfristige Etablierung einer Literaturdatenbank für relevante Veröffentlichungen.

    Der Übersetzungsarbeit kommt eine Schlüsselfunktion zu, um die bereits geleistete Durchdringung der theoretischen und praktischen Dimensionen von Islam und Psychologie zunächst in der englischen Literatur zusammenzufassen. Dieser Sammelband lässt sich in diese Arbeitslinie der Übersetzungsarbeit und Synthese der vorhandenen Literatur einordnen. Um auf dieser Synthese der Literatur aufzubauen, nimmt neben der Übersetzungsarbeit die Theorieentwicklung und Erarbeitung der theoretischen Grundlagen der Islam und Psychologie-Strömung eine elementare Rolle ein. In diesem Rahmen hat die Gruppe in Zusammenarbeit mit dem Ihsaan Beratungsdienst in Bradford (England) kürzlich dazu beigetragen, den theoretischen Diskurs zu einer islamischen Psychologie neu zu synthetisieren und ihre Ergebnisse im European Psychologist publiziert (Kaplick & Skinner, 2017). Hinsichtlich der  Anwendung dieser Erkenntnisse in der Psychotherapie mit muslimischen Patienten haben wir die Relevanz zentraler Elemente der islamischen Spiritualität mit Bezügen zu psychischen Erkrankungen und Psychotherapie in der Zeitschrift Spiritual Care veröffentlicht (Rüschoff, 2017) und werden zur Integration islamischer Spiritualität in die tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie in einem Sammelband der Templeton Press zu islamisch-integrierter Psychotherapie beitragen (Rüschoff & Kaplick, 2018).

    Ein wesentliches Hindernis in der gegenwärtigen Theoriearbeit ist das Fehlen internationaler Kooperationen. Daher konzentriert sich die Gruppe zur Förderung der Theoriearbeit auf die Erschließung institutioneller Strukturen muslimischer Psychologen und die Förderung von Kooperationsprojekten. Hierzu sind Beschreibungen der britischen, amerikanischen, indischen und deutschen Szene muslimischer Psychologen in den Zeitschriften Spiritual Care und Wege zum Menschen erschienen (Kaplick, 2018, Kaplick & Rüschoff, 2018). Kooperationen bestehen auf amerikanischer Seite mit dem Stanford Muslims and Mental Health Labor von Dr. Rania Awaad an der Fakultät für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften der Stanford Universität, mit Dr. Carrie York Al-Karam von der Universität Iowa und dem Institute of Muslim Mental Health unter der Leitung von Hamada Hamid (Yale Universität). Zu den britischen Kooperationspartnern gehören der Ihsaan Beratungsdienst in Bradford und die Fakultät für klinische Psychologie an der Universität Sheffield mit Prof. Rasjid Skinner und die Islamic Psychology Professional Association London um Nasima Khanom. Seit kurzem besteht außerdem eine Zusammenarbeit mit der Indian Council of Islamic Perspective in Psychology an der Jamia Millia Islamia in Neu Delhi, der Aligarh Muslim Universität in Aligarh und dem Centre for Study and Research in Hyderabad (Indien).

    Die langfristige Etablierung einer Literaturdatenbank für relevante Veröffentlichungen folgt dem Beispiel der Zillur Rahman Bibliothek der Ibn Sina Academy of Medieval Medicine & Sciences in Aligarh, eine Kleinstadt 140 Kilometer südlich von Neu Delhi in Indien. Seit den 1960er Jahren wurde dort als Produkt der Arbeit eines Einzelnen, namentlich Prof. Hakim Syed Zillur Rahman, eine beeindruckende Bibliothek mit über 15000 Büchern zur islamischen Medizin zusammengestellt. Ein maßgebliches Motiv des Professors für die Zusammentragung der weitläufigen Sammlung von Schriften in islamischer Medizin war es, der muslimischen Jugend zu zeigen, welches großartige Erbe ihre Vorväter ihnen hinterlassen haben und sie dazu zu ermutigen, als Muslime aktiv am wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn teilzunehmen. Diesem Ziel gliedert sich das Literaturdatenbankprojekt an und ist bestrebt, den Zugang zur vorhandenen Literatur zu Islam und Psychologie einer breiten Öffentlichkeit zu erleichtern. In einem ersten Schritt wurde im Juli 2016 eine Liste mit über 200 relevanten Veröffentlichungen auf der Website der Forschungsgruppe online gestellt. Im Oktober 2017 folgte eine Liste mit ausgewählter einführender Lektüre zum Thema Islam und Psychologie.

    Bevor wir uns kritisch mit der IP Literatur auseinandersetzen, werden wir die bisherigen Blogbeiträge in dieser Reihe in 2 Wochen kurz zusammenfassen.

    Über diese Blogreihe

    Nachdem wir uns im IASE Blog bereits den Themenfeldern „Die Terra Incognita der islamischen Psychologie“ und den „Instituten und Vereinigungen muslimischer Psychologen“ zugewandt haben, beschäftigen wir uns in dieser Blogreihe detaillierter mit der Literatur zum Thema islamische Psychologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrem Gegenstand. Diese Blogreihe erscheint alle zwei Wochen am Sonntag. Die Inhalte sind aus der theoretischen Einführung in den Sammelband „Islam und Psychologie – Beiträge zu aktuellen Konzepten in Theorie und Praxis“ entnommen, der zum Beispiel hier erhältlich ist. Darin findet Ihr auch ein Literaturverzeichnis für die verwendeten Quellen.

  • Lese-Ecke: Wellbeing and the Worshipper – Insights Into an Islamic Spiritual Order

    As-salamu alaikum!

    Gerne möchten wir Euch auf folgende Veröffentlichung hinweisen:

     

    Zusammenfassung

    „This is a rare piece of empirical research, which reveals the workings of a spiritual order, its leadership, as well as their approaches, methods and tools. It demonstrates how the seekers, who were partly drug addicts and HIV patients, and the general segment of this Order, have been able to positively transform themselves. A multidisciplinary approach enlightens the analysis and discussion by bringing together spirituality, psychology, neuroscience as well as organisational development, to produce a rich tapestry of first hand insights. This book provides an integrated approach to understanding the landscape of a spiritual order primarily using a mixed method and a holistic approach with a particular focus on Islam.  Qualitative examples include interpretivistic phenomenological approaches and neuro-linguistic programming. The book highlights the positive impact of worship by providing practical guidance and suggestions on how to spiritually improve oneself. This dualistic approach generated a working model for spiritual leadership and self-development. The unsuspecting but important link of spirituality to the United Nations sustainable development goals (SDGs) is highlighted and discussed, which needs to be factored into the global development narrative. The text is primarily for researchers, yet has a secondary use for students and general readership given the comprehensive review establishing a conceptual framework for worship and morality.“

    Euer IASE Team

  • Blogreihe: Islam und Psychologie – Gegenstand und Geschichte – Teil 18

    Universitäre und klinische Programme in der IP

    In diesem Abschnitt zur praktischen Psychologie präsentieren wir zunächst eine Übersicht einschlägiger universitärer und klinischer Ausbildungsprogramme, um zu verdeutlichen, in welchem Rahmen die Inhalte aus der grundlagen- und anwendungsorientierten Forschung vermittelt werden. Der Darstellung der anwendungsorientierten Forschung folgend, schließt sich auch dieser Abschnitt zu universitären und klinischen Ausbildungsprogrammen der Konzentration auf den klinischen Bereich an. Daraufhin stellen wir exemplarisch die gegenwärtigen Arbeitslinien der Islam und Psychologie Forschungsgruppe der Islamischen Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe vor, dessen erstes Ergebnis dieser Sammelband darstellt. Dies soll einen beispielhaften Einblick in momentane Entwicklungen in der deutschen Islam und Psychologie-Szene gewähren.

    Die theoretische Vermittlung und das Training in verschiedenen Therapie- und Beratungsansätzen sind zentral für die Ausbildung zukünftiger Generationen klinischorientierter muslimischer Psychologen. Weltweit lassen sich bezüglich klinischer Ausbildungsprogramme verschiedene Entwicklungen beobachten: Großbritannien kann zum Beispiel auf eine ca. 25 bis 30-jährige Erfahrung zurückgreifen, wie islamische Schlüsselkonzepte in der Psychotherapie von Muslimen (und Nichtmuslimen) Verwendung finden können. Die amerikanische Arbeit agiert eher aus einer Muslim Mental Health-Perspektive heraus und kann hier auf einen ca. 10-jährigen Erfahrungshorizont zurückgreifen (für Details siehe: Kaplick & Rüschoff, 2018).

    Die folgende Tabelle listet die uns bekannten, einschlägigen klinischen Ausbildungsprogramme und universitären Kurse weltweit, alle Kurse und Programme werden in Englisch unterrichtet. Im Rahmen der universitären Kurse gibt es über die bestehende Auflistung hinaus Hinweise auf einen Kurs in islamischer Psychologie an der Calicut Universität im indischen Bundesstaat Kerala.

    ProgrammAnbieter/ AkkreditierungDauerOrtModule/ ThemenschwerpunkteTheoretische Fundierung
    Klinische Weiterbildungen
    Graduiertenzertifikat in Islamischer SeelsorgeHartford Seminary, Connecticut, Vereinigte Staaten2 Jahre als Teil des Masterstudienganges in religiösen StudienOnline oder on-campus– Islamisches Recht und Ethik der Gegenwart
    – Praktische Seelsorge
    – Praktisches Training (klinische Pastoralpraxis, Praktikum) 
    Interreligiöse Orientierung
    Zertifikat in islamischer Beratung:Seit 1996 durch Stephen Maynard & Associates2 Jahre in TeilzeitLondon, Großbritannien– Beratungskompetenzen (CPCAB Modell)
    – Beratungsstudien (Ethik und Recht der Beratungsarbeit, Islamisches Beratungsmodell)
    – Islamisches Beratungsdiplom 
    Personenzentrierter Ansatz mit islamischen Elementen
    Postgraduales Zertifikat in Tibb-Beratung und PsychotherapieSeit 1978 durch das College of Medicine and Healing Arts (Dozent: u.a. Hakim Muhammad Salim Khan)3 Jahre in Intensivkursen/TeilzeitLeicester, Großbritannien– Grundlagen der Heilpraktik
    – Lebensbalance und gesunde Ernährung
    – Theoretische Grundlagen der klinischen Arbeit
    – Klinisches Training in Beratung und Psychotherapie 
    Naturheilkundliche Tradition arabischer Heiler (Hakims)
    Kurs in islamischen Ansätzen zur Psychologie und PsychotherapieSeit 2014 durch das Cambridge Muslim College (Dozent: Rasjid Skinner)1 Woche, VollzeitCambridge, Großbritannien– Kultur und Psychologie
    – Islamische Verständnis von Psychologie
    – Islamisches Modell des Selbst
    – Therapieansätze mit Fallstudien 
    Islamische Mystik
    Zertifikat in islamisch orientierten psychologischen TherapienVereinigung islamisch-orientierter psychologischer Therapeuten (Dozenten: Rasjid Skinner, Rabia Malik, Shahnawaz Haque, Hakim Muhammad Salim Khan)2- 3 Jahre (3 Module pro Jahr, mit 6 obligatorischen Modulen), TeilzeitOffen, Kurs befindet sich noch in Planung, GroßbritannienTheorie:
    – Grundlegende islamische Konzepte
    – Therapieschulen
    – Rolle des Therapeuten
    Praxis:
    – Fallstudien
    – Supervision 
    Einbezug aller wichtigen Denkschulen
    Kurse an Universitäten und Fachhochschulen
    Islamische PsychologieFakultät für Psychologie, Internationale Islamische Universität Malaysia1 Semester, Kurs für Masterstudenten nach Amber Haque (2002)Kuala Lumpur, Malaysia-Religionspsychologie
    – Islamische Spiritualität und Mystik
    – Islamische Psychologie 
    Klassische islamische Gelehrsamkeit
    Einführung in die islamische PsychologieFakultät für Religionswissenschaften, Universität Iowa (Dozent: Carrie York Al-Karam)1 SemesterIowa City, Iowa, Vereinigte Staaten– Psychologie in der islamischen Zivilisation
    – Menschliche Natur
    – Pathologie und Therapie in islamischer Tradition
    – Islamische vs. Euro-Amerikanische Bezugssysteme 
    Klassische islamische Gelehrsamkeit
    Islamische PsychologieIslamic Online University (Dozent: u.a. Aisha Hamdan /Utz)1 Semester, Kurs als Teil des Bachelor-Fernstudiengangs in Islamischen StudienOnline– Einführung in die Psychologie
    – Konzepte der Psychologie aus islamischer Perspektive (vgl. Utz, 2011) 
    Klassische islamische Gelehrsamkeit
    Islamische BeratungIslamic Online University (Dozent: u.a. Hooman Keshavarzi)1 Semester, Kurs als Teil des Bachelor-Fernstudiengangs in Islamischen StudienOnline Klassische islamische Gelehrsamkeit
    Islamische SeelsorgeBayan Claremont Graduate School, Claremont School of Theology3 Jahre, Vollzeit, Masterstudiengang in TheologieClaremont, Kalifornien, Vereinigte Staaten– Islamische Studien und Arabisch
    – Interkulturelle Kompetenzen
    – Islamische Seelsorge 
    Klassische islamische Gelehrsamkeit
    Islamische Perspektive auf die PsychologieAligarh Muslim UniversityMasterspezialisierungAligarh, Uttar Pradesh, Indien– Grundlegende Konzepte
    – Psychologie und Sufismus
    – Persönlichkeit
    – Islamische Praktiken, Beratung und Therapie
    – Praktikum 
    Klassische islamische Gelehrsamkeit
    Islamische SeelsorgeIslamische Universität Rotterdam (Fachhochschule)MasterprogrammRotterdam, Niederlande120 ECTS, breit angelegtKlassische islamische Gelehrsamkeit

    In 2 Wochen sehen wir uns beispielhafte eine momentane Entwicklung in der deutschen Islam und Psychologie-Szene an.

    Über diese Blogreihe

    Nachdem wir uns im IASE Blog bereits den Themenfeldern „Die Terra Incognita der islamischen Psychologie“ und den „Instituten und Vereinigungen muslimischer Psychologen“ zugewandt haben, beschäftigen wir uns in dieser Blogreihe detaillierter mit der Literatur zum Thema islamische Psychologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrem Gegenstand. Diese Blogreihe erscheint alle zwei Wochen am Sonntag. Die Inhalte sind aus der theoretischen Einführung in den Sammelband „Islam und Psychologie – Beiträge zu aktuellen Konzepten in Theorie und Praxis“ entnommen, der zum Beispiel hier erhältlich ist. Darin findet Ihr auch ein Literaturverzeichnis für die verwendeten Quellen.