Mit dem Namen ALLAHs, des Barmherzigen, des Allerbarmers, bismi ʾllāhi ʾr-raḥmāni ʾr-raḥīm

Kategorie: Allgemein

  • Blogreihe: Die Terra Incognita der islamischen Psychologie – Woche 11

    Intelligenz, Empfindungen, Vorstellungskraft

    Religiöse, intellektuelle und politische Freiheiten waren elementare Bestandteile der islamischen Blütezeit, während Europa sein dunkles Zeitalter erlebte. Es ist jedoch der Verlust genau dieser Freiheiten, der letztendlich zum Niedergang dieser großen islamischen Zivilisation führte. Die Regimewechsel führten immer wieder zu intoleranten Herrschern, die dazu neigten, die Gedankenfreiheit zu unterdrücken, indem sie einige der Philosophen und Gelehrten wegen ihrer Meinungen und ihres intellektuellen Strebens verfolgten und inhaftierten. Das Schließen der Türen des Idschtihād führte zu einer Stagnation des Wissens und mit der Zerstörung der Bildungsinfrastruktur ging auch die Verlagerung der Staatsausgaben einher. Die Finanzmittel, die einst für die Produktion von Büchern, Bibliotheken, Hochschulen, Krankenhäusern, Laboratorien usw. gewährt wurden, wurden umgeschichtet, als die Herrscher begannen, den Luxus zu priorisieren und Ressourcen für die Kriegsführung zu verschwenden. Im 13. Jahrhundert geriet das islamische Imperium durch die Invasionen der Kreuzfahrer aus dem Westen und der Mongolen aus dem Osten ins Wanken. Das muslimische Imperium in Spanien, das sich während des 14. Jahrhunderts nur schwer von der gewaltigen Landzerstörung, den brutalen Tötungen seiner Gelehrten und Wissenschaftler und dem Abbrennen seiner Bibliotheken und Millionen von handgeschriebenen handschriftlichen Manuskripten erholen konnte, wurde 1492 endgültig ausgelöscht (Awaad, 2019*). Trotz dieses Untergangs „gibt es keinen einzigen Aspekt des europäischen Wachstums, in dem der entscheidende Einfluss der islamischen Kultur nicht nachvollziehbar ist …“ (Briffault, 1938).

    Abū Bakr Muḥammad b. Yaḥyā b. aṣ-Ṣāʾiġ Ibn Bāddscha (lat. Avempace) (1095-1138) entstammte dem nördlichen Spanien und gilt als einer der ersten spanisch-arabischen Philosophen. Sein für die Psychologie interessantes Werk ist die Anerkennung der aktiven Intelligenz, in der er sich mit der Intelligenz als die wichtigste psychologische Fähigkeit auseinandersetzte (Hamarneh, 1984). Weiterhin schrieb Ibn Bāddscha zu Empfindungen und der Vorstellungskraft (Haque, 2004; Vahab, 1996). Darüber hinaus hat sich die psychologische Literatur noch nicht weiter mit Ibn Bāddscha auseinandergesetzt.

    Referenzen

    Awaad, R., Mohammad, A., Elzamzamy, K., Fereydooni, S., & Gamar, M. (2019). Mental Health in the Islamic Golden Era: The Historical Roots of Modern Psychiatry. In H. S. Moffic, J. Peteet, A. Z. Hankir, & R. Awaad (Eds.), Islamophobia and Psychiatry: Recognition, Prevention, and Treatment (pp. 3-18). Basingstoke, England: Springer.*

    Briffault, R. (1938). The Making of Humanity. London: George Allen & Unwin Ltd.

    Hamarneh, S. K. (1984). Health Sciences in Early Islam: Collected Papers. Blanco, TX: Zahra Publications.

    Haque, A. (2004). Psychology from Islamic Perspective: Contributions of Early Muslim Scholars and Challenges to Contemporary Muslim Psychologists. Journal of Religion and Health, 43(4), 357-377. doi:10.1007/s10943-004-4302-z

    Vahab, A. A. (1996). Section I: An Introduction to Islamic Psychology. In An Introduction to Islamic Psychology. New Delhi: Institute of Objective Studies.

    *Mittlerweile wurde der Beitrag veröffentlicht und es kam zu einem Wechsel in der Autorenreihenfolge.

  • Zwischen Abhängigkeit und Autonomie – zum islamischen Umgang mit den Eltern

    Vortrag im Islamischen Kulturverein Mainz am 24.12.2012


    Dr. Ibrahim Rüschoff

    Einleitung

    In der Arbeit lerne ich viel von den Menschen, Dinge, die mit den Problemen, mit denen sie zu mir kommen, oft nicht viel zu tun haben. Ich bekomme durch meine Arbeit auch Zugang zu den Lebenswelten, den Normen und Werten des Alltagslebens der Menschen allgemein.

    Im Laufe der Zeit ist mir im Umgang mit Menschen aus dem Mittelmeerraum, bei orthodoxen Griechen, katholischen Italienern, koptischen Ägyptern, alevitischen Türken, aber z.B. auch Pakistani und eben auch bei Muslimen etwas aufgefallen, was ich in Ansätzen auch aus meiner eigenen Kindheit in Deutschland kenne:

    Auf Seiten der Eltern in ihrem Umgang mit den Kindern, aber auch bei Kindern im Umgang mit ihren Eltern besteht oft ein sehr enges, rigides Verständnis von Gehorsam, das keinerlei Widerspruch duldet und darüber hinaus diesen Gehorsam mit Respekt gleichsetzt bzw. „Ungehorsam“ oder „unterschiedlicher Meinung sein“ mit Respektlosigkeit.

    Eltern erwarten natürlich folgsame und gehorsame Kinder, zumindest prinzipiell, und Kinder sind grund-sätzlich ja auch bereit, auf die Eltern zu hören, nicht zuletzt weil sie sie lieben und auch auf sie und ihre Hilfe angewiesen sind. Doch wie weit reicht dieser Anspruch auf Gehorsam? Ist er wirklich gleichzusetzen mit Respekt? Sind die Eltern die letzten absolutistischen Herrscher, denen gegenüber es keine persönliche Frei-heit und Autonomie gibt?

    Wenn man die Realität betrachtet, könnte man meinen es sei so. Ich erlebe in Kontakten häufig eine extreme Abhängigkeit von den Eltern, die die Selbstwirksamkeit und Autonomie der Kinder stark einschränken. Diese Abhängigkeit hat in den meisten Fällen dann auch eine negative Auswirkung auf die Persönlichkeit und die Lebenswelt der Kinder wie z.B. auf deren Ehen.

    Bei den Muslimen, denen ich im Laufe der Jahre beruflich und privat begegnet bin, ist mir diese Situation besonders aufgestoßen, weil sich mir eine derartige Auffassung und ein solches Verständnis von Gehorsam aus den islamischen Quellen, soweit sie mir zugänglich sind, nicht erschließt, und weil ich darüber hinaus feststellen musste, dass dadurch allen, Eltern wie Kindern, zum Teil gravierende Probleme entstehen, die tief und manchmal irreparabel in das Leben der Betroffenen eingreifen und viel Unglück über die bringen kann, die einem zumeist am Nächsten stehen, die man am meisten liebt und deren Glück man wünscht.

    Ein Teilnehmer drückte es so aus: „In den Köpfen unserer Eltern, und auch in unseren, so fürchte ich, steckt die Überzeugung, dass, egal was ich in dieser Welt Gutes getan habe: in der Schule fleißig und im Beruf erfolgreich, kein Gebet ausgelassen, mich liebevoll um meine Familie gekümmert und die Kinder wohl-erzogen habe, eine Moschee gegründet und viele Menschen zum Islam gebracht habe, alles das zählt weder im Diesseits noch im Jenseits, wenn meine Eltern mit mir nicht zufrieden sind.“

    Das kann eigentlich nicht islamisch sein.

     

    Wovon rede ich? – Einige Beispiele:

    (1)

    Ein junger Mann hatte wichtige, regelmäßige Termine und sollte seine Mutter jedes Mal zum Einkaufen mit in die Stadt nehmen. Diese wurde trotz mehrfacher Hinweise auf die Zeit nie pünktlich fertig, sodass der Sohn Probleme wegen der ständigen Verspätungen bekam. Trotz großer Bedenken über sein Verhalten ist er nach vielfachen „Warnungen“ schließlich einmal allein gefahren und hat die Mutter stehen lassen, was diese ihm als Respektlosigkeit und Ungehorsam vorhielt. – Beim nächsten Mal war sie dann pünktlich fertig…

    (2)

    Ein ca. 30-jähriger Mann, der seinem manchmal sehr jähzornigen Vater möglichst aus dem Weg ging, begründete sein Verhalten mit dem Satz: „Wenn sich mein Vater über mich ärgern muss, habe ich eine Sünde begangen.“

    (3)

    Ein junger Mann nimmt auf Druck der Mutter Abstand von seiner großen Liebe und heiratet eine Frau, die die Mutter ausgesucht hat. Diese sowie die nächste, ebenfalls auf Wunsch der Mutter zustande gekom-mene Ehe scheitern, beide Frauen verlassen den Mann nach kurzer Zeit wegen des Einflusses der Mutter, gegen die sich der Mann auch in Alltagsdingen trotz gut begründeter eigener Meinung nicht durchsetzen kann, weil er dann ungehorsam bzw. ein schlechter Sohn sei.

    (4)

    Eine Frau wird in ihrer Ehe misshandelt und erniedrigt. Die Eltern erwarten von ihr Geduld und Durch-halten. Nach langer Leidenszeit ohne jede Aussicht auf Änderung wird die Frau dann gegen den Willen der Eltern selbst aktiv und trennt sich vom Mann. Sie hat das Gefühl, den Eltern gegenüber undankbar und un-gehorsam gewesen zu sein.

    (5)

    Die Mutter einer hier geborenen und aufgewachsenen, unverheirateten 38-jährigen Frau, die ihre Jahre (und damit auch Ehe und Kinder) dem elterlichen Betrieb geopfert hat, der schließlich wegen unsolider Wirtschafterei des Vaters doch in Konkurs ging, erwartet von dieser, dass sie mit ihr für immer in die Türkei zurückgeht, um sie dort zu versorgen. Die Tochter kann sich dieser Forderung nur unter größten Schwierig-keiten entziehen.

    (6)

    Ein Mann kann seine Familie nur nach Deutschland bringen, wo er schon lange arbeitet, indem der eine Tochter „opfert“ und bei den Schwiegereltern lässt, da diese in der Türkei nicht allein sein wollen. Daraus entstehen erhebliche Komplikationen für die ganze Familie.

    (7)

    Ein 35-jähriger Mann wird von seinem Vater über Jahre regelmäßig massiv erniedrigt, beschimpft und bis ins Erwachsenenalter geschlagen. Trotz einer regelrechten Traumatisierung besucht er ihn immer wieder bei seinen Reisen nach Marokko, da er sonst das Gefühl hat, seinem Vater ungehorsam zu sein. Danach ist er tagelang depressiv, manchmal sogar suizidgefährdet.

     

    Was geht hier vor?

    Wenn ich diese Beispiele an meinen Erfahrungen aus der eigenen Elternfamilie oder dem sozialen Umfeld meines westfälischen Dorfes messe, aus dem ich stamme, so fällt mir die außerordentliche elterliche Machtfülle auf, selbst wenn ich die 50er und 60er Jahre meiner Kindheit heranziehe. Auch heute dürfte man in Deutschland in irgendwelchen verlassenen Winkeln auf dem Land hier und da noch vergleichbare Situa-tionen vorfinden, insgesamt erscheinen die geschilderten Fälle in der heutigen Zeit und der bundesdeutschen Realität jedoch als absoluter Anachronismus, die zudem in vielen Fällen auch gegen geltende Strafgesetze verstoßen.

    Obwohl ähnliche Verhältnisse auch in Süditalien, Spanien oder Griechenland existieren, ziehen die Eltern hier nicht die Religion (z.B. das katholische Christentum) heran, sondern berufen sich eher auf die Tradition. Muslimische Eltern sind hier in einer „komfortableren“ Situation, da der Islam doch viele verbindliche und relativ konkrete Aussagen über das Verhalten im Alltag macht. Vor diesem Hintergrund ist nicht verwunder-lich, dass Muslime (und zwar wieder Eltern wie Kinder!) die skizzierten Auffassungen, wie zu erwarten ist, mit dem Islam begründen und damit praktisch „unangreifbar“ machen. Aber haben sie auch Recht damit?

    Um hier weiterzukommen, sollten wir

    • einen Blick in den Koran und auf die Sunna werfen und
    • schauen, welche anderen Einflüsse hier vielleicht noch eine Rolle spielen.

     

    Aus dem Qur’an:

    (1) „Und tue deinen Eltern Gutes. Sollte einer von ihnen oder beide in deiner Fürsorge ein hohes Alter erreichen, sage niemals ‚Bah!‘ zu ihnen oder schelte sie, sondern sprich immer in ehrerbietiger Rede zu ihnen und breite demütig die Flügel deiner Zärtlichkeit über sie und sage: ‚O mein Erhalter! Erteile ihnen deine Gnade, ebenso wie sie für mich sorgten und mich aufzogen, als ich ein Kind war!‘“ (17:23-24, auch 2:83, 6:151 oder 46:15 und 17)

    (2) „Verehrt Allah und setzet Ihm nichts zur Seite, und (erweiset) Güte (Ihsan) den Eltern, den Verwandten, den Waisen und den Bedürftigen, dem Nachbarn, der ein Anverwandter, und dem Nachbarn, der ein Fremder ist, dem Gefährten an eurer Seite und dem Wanderer und denen die eure Rechte besitzt. Wahrlich, Allah liebt nicht die Stolzen, die Prahler.“ (4:36)

    (3) „Wir haben dem Menschen ans Herz gelegt, gütig (Ihsan) gegen seine Eltern zu sein. Doch wenn sie dich bestimmen möchten, daß du Mir das zur Seite stellst, wovon du keine Kenntnis hast, so gehorche (Ta’a) ihnen nicht. Zu Mir ist eure Heimkehr, dann will Ich euch verkünden, was ihr getan.“ (29:8, auch 31:14-15).

    (4) „So gehorchet Allah und gehorchet (Ta’a) dem Gesandten. Doch wenn ihr euch abkehrt, dann ist die Pflicht Unseres Gesandten nur die deutliche Verkündigung.“ (64:12)

     

    Aus der Sunna

    (1) Al-Mughira Ibn Schu`ba berichtete, dass der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, sagte: „Allah hat euch wahrlich folgendes verboten: die Lieblosigkeit (‚oquq) gegen die Mütter, die Verwehrung einer milden Gabe und deren unrechtmäßige Einnahme und die Tötung der Mädchen. (…)!“ (Al-Bukhari)

    (2) Abdullah ibn Amru ibn al-As (r) überliefert, dass der Prophet (s) sagte: „Die großen Sünden sind: Allah etwas beizugesellen, ungehorsam gegenüber den Eltern (‚oquq) zu sein, jemanden zu töten und falschen Eid zu schwören.“ (Al-Bukhari/Riyad us-Salihin Nr. 337)

     

    Welche Begriffe werden im Arabischen verwendet?

    • den Eltern Güte erweisen: Ihsan
    • den Eltern gegenüber lieblos sein: ‚Oquq
    • Gehorsam gegen Gott und seinem Gesandten: Ta’a
    • Gehorsam den Eltern bei Shirk verweigern: Ta’a

    Es findet sich im Zusammenhang mit den Eltern nicht der Begriff „Ta’a“, der für den Gehorsam gegenüber Gott und dem Gesandten benutzt wird sondern „Ihsan“.

    Unterstrichen wird das durch den Vers 4:36: „(Erweiset) Güte den Eltern, den Verwandten, den Waisen und den Bedürftigen, dem Nachbarn, der ein Anverwandter, und dem Nachbarn, der ein Fremder ist, dem Gefährten an eurer Seite und dem Wanderer und denen die eure Rechte besitzt.“ Dem Nachbarn oder dem Fremden „gehorchen“ kann natürlich nicht gemeint sein, wohl aber ihnen „Güte erweisen“.

    Für Lieblosigkeit bzw. „Ungehorsam“ den Eltern steht der Begriff „’oquq“, das Gegenteil von „Ihsan“.

    Aus islamischer Perspektive scheint folgender Sachverhalt von Bedeutung: Wir sollen den Eltern Respekt und Ehre erweisen, ihnen in Güte begegnen und die „Flügel unserer Zärtlichkeiten demütig über ihnen ausbreiten“ (17: 24). Doch den Eltern zu folgen hat Grenzen dort, wo sie Shirk verlangen, doch selbst dann sollen wir ihnen „mit Güte Gesellschaft im Leben dieser Welt leisten“ (31:15). Von absolutem Gehorsam ist also nirgends die Rede. Warum wird er dennoch oft verlangt?

     

    Was spielt noch eine Rolle?

    Mit der Religion hat die ganze Angelegenheit wenig bis gar nichts zu tun, das zeigen auch die Vergleiche mit den christlich geprägten Kulturen in Mittelmeerraum. Von Bedeutung sind vielmehr

    (1) Erzieherische Faktoren:

    In vielen Familien lernen Kinder früh, dass ihre seelischen Bedürfnisse wenig oder gar nicht zählen. Dagegen ist Anpassung an die Bedürfnisse der Eltern gefordert. Ungehorsam bzw. abweichende Meinung wird als Respektlosigkeit gegenüber der elterlichen Autorität gewertet.

    (2) Soziokulturelle Faktoren/kollektive Strukturen.

    Gehorsam und Respekt sichern die Funktion oder auch das Überleben der Familie oder des Stammes. Dies kann in bestimmten historischen und funktionalen Situationen durchaus von ausschlaggebender Bedeutung sein (z.B. in gefährlichen Gegenden, unsicheren wirtschaftlichen Situationen, aber auch z.B. beim Militär im Kampfeinsatz).

    (3) Patriarchale Strukturen:

    Gehorsam sichert nicht nur die Macht der Männer, sondern auch die Macht der Frauen, die ihre Söhne abhängig halten und dadurch in die Gesellschaft hineinwirken.

    (4) Migrationsfaktoren:

    Gehorsam sichert vertraute und Sicherheit vermittelnde Elemente in der Fremde. Gehorsam der Kinder mindert die Ängste der Eltern in der fremden Umgebung und schützt vor Verlust des Ansehens.

     

    Die Folgen:

    Kinder erleben häufig eine starke Einschränkung ihrer Autonomie. Selbst wenn die Eltern abwesend oder irgendwann gestorben sind, wirken sie über die Gewissensbildung bei den Kindern weiter und schaffen dadurch Konflikte.

    Kinder lernen nur schwer, eigene Ansprüche und Standpunkte angemessen zu äußern und ggf. auch durch-zusetzen. Sie sind später als Erwachsene häufig entweder aggressionsgehemmt oder extrem autoritär.

    Kinder kämpfen mit dem eigenen Ich-Ideal und sind später nur schwer in der Lage, Schwächen oder Fehler zuzugeben, weil sie das als kompletten Verlust ihrer Autorität erleben.

    Kinder leiden unter ständigen Schuldgefühlen, egal wie vernünftig ihre Entscheidung auch sein mag.

     

    Ausblick

    Wie lösen wir die schwierige Situation, den Eltern einerseits den islamisch geschuldeten Respekt und die geschuldete Güte zukommen zu lassen und andererseits die eigene Verantwortung für uns selbst wahrzuneh-men und ihr nachzukommen?

    Solange uns die Eltern zuhören, uns als (erwachsene) Kinder mit unseren eigenen Bedürfnissen und Vorstel-lungen, unseren Möglichkeiten und Grenzen wahrnehmen und unsere eigene Verantwortlichkeit vor unserem Schöpfer akzeptieren, ist alles in Ordnung.

    Doch was ist z.B. zu tun,

    • wenn sich die Eltern gegen eine Heirat aussprechen, bei der alle Voraussetzungen ideal sind, nur weil sie z.B. den Bräutigam nicht selbst ausgesucht haben?

    • Wenn sich eine Mutter das erklärte Recht herausnimmt, während der Abwesenheit ihres Sohnes und der Schwiegertochter in deren Wohnung die Schränke heimlich zu kontrollieren?

    • wenn jemand gegen den erklärten Willen der Eltern aus dem gemeinsam bewohnten Haus ausziehen möchte, da trotz vieler Versuche ein Zusammenleben nur um den Preis der absoluten Anpassung an die Elternfamilie möglich ist, die schwere Probleme in die Ehe trägt und nicht nur die Schwieger-tochter überfordert sondern auch den Sohn erkennen lässt, dass er seiner Mutter in keiner Weise gewachsen ist?

    Müssen wir den Eltern nicht auch zumuten unser Verhalten und unsere gut überlegten und begründeten Entscheidungen zu akzeptieren oder auch nur zu ertragen und notfalls auch darunter zu leiden

    • wenn sie absolut nicht in der Lage oder willens sind, unsere Situation zu begreifen und zu verstehen?

    • wenn sie nicht gebildet genug sind, die Zusammenhänge unserer Lebenswirklichkeit zu erkennen und z.B. die Hochschule für ein großes Haus mit einem Lehrer halten, wo mittags der Unterricht vorüber ist und man nachmittags die Schularbeiten zuhause macht?

    • wenn sie Angst haben, ihren Einfluss zu verlieren?

    • oder wenn sie schlicht machtversessen oder einfach schlechte Eltern sind, die es natürlich auch unter uns Muslimen gibt?

     

    Über dieses Spannungsfeld möchte ich eine lebhafte Diskussion anregen.

     

  • IASE Tagungsbeitrag 1998: Aspekte psychosozialer Beratung von Muslimen in der Schule

    Aus der Schatzkiste. Die Wenigsten wissen, dass die IASE seit den 1980er Jahren existiert. Wir haben alte Tagungsbeiträge ausgesucht, um sie wöchentlich hier zu posten. Viel Vergnügen beim Lesen.


    Asiye Köhler

    1          Allgemeines

    Ich möchte mich zuerst kurz vorstellen: Ich bin türkischer Abstammung, habe jedoch die meiste Zeit meines Lebens in Deutschland gelebt. Nach dem Studium in Ankara kam ich auf Einladung des DAAD nach Deutschland und bin nach einer kurzen Zeit der Selbständigkeit seit vielen Jahren als Lehrerin an einer Grundschule und jetzt an einem Gymnasium tätig.

     

    2         Konfliktfelder in der Schule bzw. der Jugendlichen

    Die wichtigsten Konfliktfelder in der Schule liegen im Bereich der unterschiedlichen Nationalitäten sowie Religionen (z.B. Alewiten, Sunniten). Hier will ich beispielhaft auf einen weiteren Bereich eingehen, den der Begegnung der Geschlechter.

     

    2.1       Geschlechtliche Konfliktfelder

    Es kommt immer wieder vor, dass zwei muslimische Jugendliche eine Liebesbeziehung beginnen. Wenn die Eltern davon erfahren, bricht für diese zumeist eine Welt zusammen. Oft sind es die Mütter, die verzweifelt beim Lehrer erscheinen und ihn drängen, aktiv einzugreifen und die Beziehung zu beenden. Wenn der Mann davon erführe, gebe es ein Familiendrama. Diese Konflikte haben gelegentlich dramatische Entwicklungen bis hin zum Suizidversuch. Beratung im engeren Sinne erfolgt hier nicht, auch weil die beteiligten Jugendlichen nicht gesprächsbereit sind. Überhaupt scheint auf Seiten der Eltern als auch der Kinder oft wenig Bemühen um ein gegenseitiges Verständnis, die Differenzen zwischen den Lebenswelten der Jugendlichen und der Eltern scheinen unüberbrückbar. Verbote der Eltern ohne gleichzeitiges Angebot von Alternativen tragen zur Verschärfung der Situation bei.

    Besonders bei Beziehungen zwischen muslimische Jugendlichen aus strengen Elternhäusern fällt im Vergleich zu deutschen immer wieder eine gewisse Maßlosigkeit und übersteigerte Leidenschaft auf. Selbst Hausmeister und Reinigungskräfte in den Schulen berichten immer wieder von Vorkommnissen auf Toiletten und in leeren Klassenzimmern am Nachmittag, die selbst nach „deutschen“ Maßstäben problematisch sind. Die Gründe hierfür sind vielfältig und können hier nicht im einzelnen diskutiert werden.

     

    3          Möglichkeiten der Beratung

    Eine schnelle und erfolgreiche Beratung von Schülern und Eltern sehen sich großen Hindernissen gegenüber. So scheinen viele Eltern keinen besonderen Wert auf eine Beratung durch den Lehrer zu legen. Nehmen sie einmal Kontakt auf, so bestehen sie häufig auf einem unverrückbar vorgefaßten Lösungsweg, der zumeist nur die abrupte Beendigung der Beziehung ihres Kindes als einzige Maßnahme akzeptiert. Hierbei versuchen sie oft, den Lehrer in ihrem Sinne zu instrumentalisieren.

     

    4          Maßnahmen

    Die vordringlichste Maßnahme ist der Versuch, eine regelmäßige Elternarbeit aufzubauen. Hier bestehen neben einem weitreichenden Desinteresse der Eltern weitere Probleme: Türkische Lehrer an den Schulen sind sehr um ihr westliches Profil bemüht und zeigen häufig eine deutliche, teilweise sogar aggressive Ablehnung des Islam. Doch auch bei den nichtmuslimischen Kollegen fehlt die notwendige Sensibilität gegenüber islamischen Belangen. Dass Fragen des Kopftuches oder eines getrenntgeschlechtlichen Schwimm- und Sportunterrichtes immer wieder mühsam geklärt werden müssen, ist ein Zeichen dafür. Nur selten fragen Lehrer Kinder ihrer Klasse von sich aus nach ihren Bedürfnissen als Muslime und signalisieren damit eine grundsätzliche Akzeptanz von Anderssein.

    Einer wichtige Maßnahme von grundsätzlicher Bedeutung ist die Einführung eines islamischen Religionsunterrichtes als Beitrag zu einer ethischen Erziehung der Kinder, der identitätsstiftend wirkt und viele Probleme bereits im Ansatz verhindern hilft.

  • IASE Tagungsbeitrag 1998: Psychologische Beratung für Muslime und ihre Angehörigen

    Aus der Schatzkiste. Die Wenigsten wissen, dass die IASE seit den 1980er Jahren existiert. Wir haben alte Tagungsbeiträge ausgesucht, um sie wöchentlich hier zu posten. Viel Vergnügen beim Lesen.


    Malika Laabdallaoui

    Vor etwa einem Jahr habe ich angefangen, im Islamischen Bildungs- und Informationszentrum (Ibiz) in Mainz psychologische Beratung für Muslime und ihre Angehörige anzubieten. Ich mußte die verantwortlichen Geschwister erst davon überzeugen, dass ich für dieses Angebot keine Gegenleistung verlange und dass sie keinen Schaden davon haben. Ich selbst habe dadurch Gelegenheit, praktische Erfahrungen in der Beratung und Therapie von Muslimen zu sammeln.

    Die Nachfrage ist groß. Den Muslimen fällt es leichter, in eine islamische Einrichtung zu kommen, wenn sie wissen, dass es jemand gibt, der sie in ihrer religiösen und traditionellen Erlebniswelt verstehen kann. Einige sagen, sie seien froh, nicht viel von ihrem Glauben erzählen zu müssen, um verstanden zu werden.

    Es ist mir wichtig, dass das Zentrum relativ unabhängig ist, also keiner Moschee und auch keiner deutschen Institution angeschlossen ist.

    Als ich diese Arbeit begann, dachte ich eher an alltägliche Probleme wie Erziehungsprobleme, Schwierigkeiten in der Ehe, Schulprobleme usw. Ich mußte jedoch feststellen, dass sich Muslime wegen solcher Schwierigkeiten, mit denen deutsche Familien oft in die Beratungsstelle kommen, kaum Hilfe holen. Es scheint, dass bei Muslimen die Probleme schon sehr groß sein müssen, bevor sie mit Dritten darüber sprechen können. Diese Arbeit hat mir erst bewußt gemacht, wie belastet unsere muslimischen Familien oft sind und wie groß die Ausweglosigkeit dort sein kann. Es kommen Menschen, vor allem Frauen und junge Mädchen, mit Schwierigkeiten und Schicksalen, mit denen ich erst lernen mußte umzugehen. Sie reichen von Selbstmordversuchen, sexuellem Mißbrauch durch Familienangehörige und nichtehelichen Intimbeziehungen bis hin zu Mordversuchen durch den Ehemann. Zur Verdeutlichung möchte ich drei Beispiele aus unterschiedlichen Problembereichen bringen:

     

    Fallbeispiel 1:

    So erzählte eine junge Frau, Tunesierin:

    „Als wir geheiratet haben, hat mein Mann gesagt, wenn du nicht gleich schwanger wirst, bringe ich dich um und heirate eine andere. Er sagte, er würde mich zerstückeln, in blaue Säcke verpacken und in den Müll werfen. Er schlug mich jeden Tag. Als ich schwanger wurde, wollte er, dass ich das Kind ab-treiben lasse, da er sich nicht durch ein Kind an mich binden lassen wolle. Da meine Furcht vor Allah größer ist, weigerte ich mich. Er schlug jeden Tag auf mich ein. Manchmal kam er in der Pause von der Arbeit, verprügelte mich und ging wieder. Außer seiner Familie kenne ich niemanden hier in Deutschland. Ich lebe seit einem Jahr hier, durfte aber nie aus der Wohnung gehen. Er schließt immer die Tür ab, wenn er geht. Ein Telefon haben wir nicht. Als ich schwanger wurde, brachten sie mich zum Arzt. Zu Hause zerriß er den Mutterpaß und sagte, ich brauche ihn sowieso nicht, denn ich würde vorher sterben. Ein mal kam er wieder in der Pause von der Arbeit und sagte: „Du wirst heute sterben! Ich bringe dich um.“ Er schlug mich zu Boden, trat mit den Füßen in meinen Bauch und schlug auf mich so lang ein, bis ich glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Nach einiger Zeit hörte er auf mit der Begründung, dass er wieder zur Arbeit gehen müsse, sonst wurde er mich gleich erledigen. Aber er werde zurück kommen. Als er weg war sprang ich aus dem Fenster und ging zu einer Nachbarin, die ich vorher aus dem Fenster als Tunesierin erkannt habe und bat sie, mich telefonieren zu lassen. Ich rief meine Schwiegermutter an und erzählte ihr, was passiert war und dass ich nicht bei ihrem Sohn bleiben kann. Ich hatte unheimliche Angst. Als sie kam, schlug sie mich vor der Nachbarin ins Gesicht. Sie regte sich darüber auf, dass ich zu einer fremden Frau gegangen war, aber ich hatte keine andere Wahl. Anschließend brachte mich die Familie in eine Wohnung, die meine Schwägerin wohl angemietet, aber nicht renoviert und eingerichtet hatte. Ich bekam dort eine Matratze, Decke und Kissen. Zum Essen brachten sie mir alle zwei Tage einen Fladen Brot. Ich wurde immer schwächer und wurde dann so krank, dass mich die Schwiegermutter doch zum Arzt brachte. Als sich der Arzt darüber aufregte, dass ich nicht zu den Untersuchungen kam, sagte sie, ich wäre die ganze Zeit in Tunesien gewesen. Da das Kind sich nicht altersgemäß entwickelt hatte, sollte ich viel liegen und mich schonen. Sie (die Schwiegermutter) nahm mich dann mit in ihre Wohnung und ließ mich dort ununterbrochen arbeiten. Obwohl sie bis dahin mit der Waschmaschine gewaschen hatte, mußte ich mit der Hand für die ganze Familie waschen. Oft nahm sie saubere Wäsche aus dem Schrank und zwang mich, sie noch mal waschen und zu bügeln.

    Als ich zur Entbindung ins Krankenhaus kam, besuchte mich mein Mann ein einziges mal. Er sprach kein Wort mit mir, sah sich das Kind an, redete mit der Krankenschwester und ging. Ich schämte mich sehr vor meinen Zimmernachbarinnen. Nach der Entbindung kam ich wieder zur Schwiegermutter, wo ich wieder die ganze Hausarbeit übernehmen mußte. Ich hätte so gerne mein Kind gestillt, aber ich durfte nicht, denn es sollte sich nicht an meine Milch gewöhnen. Essen durfte ich außer Brot und Kaffee nichts, damit sich die Milch nicht entwickelt. Einmal mußte ich einen schlecht gewordenen Eintopf essen. Sie haben mich dazu gezwungen. Ich habe heute noch Magenschmerzen davon. Einmal hatte ich gekocht. Wie so oft nahmen sie auch diesmal das Essen und gingen in meine Wohnung. Mir ließen sie wie immer nichts zurück und schlossen die Tür ab. Später kam dann mein Schwiegervater von der Arbeit und vergaß die Tür hinter sich abzuschließen. Als er ins Bad ging, nahm ich das Kind und rannte raus.“

    Draußen klingelte die junge Frau bei Nachbarn, die die Polizei holten, die sie anschließend in ein Frauenhaus brachte. Weil sie kaum Deutsch spricht, war ich die erste Person, der sie sich anvertrauen konnte. Ich bewundere an diese Frau ihren starken Glauben, den sie in dieser ganzen Misere nie verloren hat und der ihr geholfen hat, nicht den Verstand zu verlieren.

    Dieser Fall ist sicherlich nicht die Regel, doch kommt Gewalt sehr oft in muslimischen Familien vor. Häufig nutzen die Männer die hilflose Situation der Frauen schamlos aus.

     

    Fallbeispiel 2:

    Ein junges türkisches Mädchen erzählt, dass sie und ihre Schwester als Kinder jahrelang von ihrem Onkel sexuell mißbraucht wurden. Sie durften nichts davon sagen. Als sie mit 15 Jahren doch den Mut aufbrachte, es der Mutter zu erzählen, glaubte diese ihr nicht und bestrafte sie für ihre Lüge. Seitdem hat sie das Vertrauen in die Mutter ganz verloren, und die Sache mit dem Onkel wurde vergessen.

    Das Mädchen hat jetzt ein gestörtes Verhältnis zu sich selber und würde am liebsten sterben. Einen Selbstmordversuch mit Tabletten hat sie bereits unternommen. Obwohl sie, wie sie erzählt, betet und fastet, ist ihr Glaube zutiefst erschüttert.

    Zu Beginn meiner Arbeit war es für mich unvorstellbar, dass regelmäßig betende und fastende Muslime Ehebruch begehen, aber auch das kommt vor.

     

    Fallbeispiel 3:

    Eine Frau, die ganz normal mit ihrem Mann und ihren 2 Kindern lebt, hatte über 5 Jahre eine Beziehung zu dem  Freund ihres Mannes. Die beiden Männer wiederum gehen regelmäßig zusammen in die Moschee um zu beten. Weil sie dieses Doppelleben nicht mehr ertragen konnte und sich dies auf ihre psychische Gesundheit auswirkte, kam sie in die Beratung.

    Die Beispiele können beliebig fortgeführt werden. Ich habe absichtlich die schwierigeren Beispiele gewählt, um zu zeigen, was sich in muslimischen Familien abspielen kann und wie groß der Bedarf an fachlicher Unterstützung ist. Da ich die psychischen Belastungen der Sitzungen noch in deutlicher Erinnerung habe, möchte ich hier die Notwendigkeit von begleitender Supervision oder Balintgruppen für die Berater betonen.

    Zum Teil auf dieser Arbeit basierend hat sich ein Projekt in der städtischen Erziehungsberatungsstelle entwickelt. Dort besteht zwar die Möglichkeit eines fachlichen Austausches mit Kollegen, jedoch ersetzt diese nicht die Zusammenarbeit mit muslimischen Fachleuten. Ich muß klären, wie ich als Muslimin und meinen Wertvorstellungen mit dem Erlebten aus den Sitzungen umgehe.

    Wichtig ist, dass wir als Muslime irgendwo anfangen, in der Moschee, in einem Verein oder an anderen, vielleicht auch nichtmuslimischen Stellen. Mit unserer Arbeit können wir deutlich machen, dass Muslime muslimische Berater brauchen und dass sie mit ihren Problemen eher zu Glaubensgeschwistern gehen. Ist die Arbeit erfolgreich, gelingt es vielleicht, das Interesse eines Vereins oder der Stadtverwaltung zu wecken und eine Beratung für Muslime vielleicht in einen bestehenden sozialen Dienst zu integrieren.

    Das Ziel muß sein, dass wir als Muslime sichtbare, qualifizierte psychosoziale Arbeit leisten, die öffentliche und evtl. finanzielle Anerkennung bekommt.

  • IASE Tagungsbeitrag 1998: Die Rolle der Imame in der psychosozialen Beratungsarbeit von Muslimen

    Aus der Schatzkiste. Die Wenigsten wissen, dass die IASE seit den 1980er Jahren existiert. Wir haben alte Tagungsbeiträge ausgesucht, um sie wöchentlich hier zu posten. Viel Vergnügen beim Lesen.


    Nigar Yardim

    Meine eigenen Erfahrungen basieren auf dem Erlebnis der 15-jährigen Arbeit meines Vaters in einer Duisburger Moschee als deren Imam und auf meinen persönlichen Erfahrungen seit neuerdings 4 Jahren in einer Moschee mit jungen Frauen und Mädchen.

    Die Ausgangssituation

    • Für die nach Deutschland immigrierten Muslime waren und sind die Moschee bzw. der oder die Gelehrte in den Moscheen wichtige Anlaufpersonen bezüglich sozialer Probleme, die besonders auch im Zusammenhang mit der Migration entstanden und zu sehen sind.

    • Die ersten Personen, die sich mit der Frage der religiösen Bildung der Nachfolgegenerationen beschäftigten, waren wie mein Vater Gastarbeiter, die nach der Arbeit Koranunterricht erteilten bzw. das Gebet leiteten.
    • Es entwickelte sich in der Gemeinde eine Art „Gemeinschaftsverantwortung“ der Mitglieder untereinander sowie auch eine „soziale Kontrolle“.
    • Das führte in manchen Fällen zu Konflikten, in der Regel wurde hierbei die Hilfe des Hodschas gesucht.
    • Die Anforderungen durch die veränderte Umstände im langjährigen Zusammenleben mit der deutschen /christlich geprägten Gesellschaft führten in den Moscheen ebenfalls zu Veränderungen: Es sollten Imame eingestellt werden, die deutsch sprechen und möglichst hier aufgewachsen sind. (Man kann in gewissem Sinne sogar von Glück reden, dass die Türkei und Deutschland ein Abkommen unterzeichneten, wonach nur vom Staat gestützte Einrichtungen Imame aus der Türkei holen durften, so dass die nichtstaatlichen religiösen Organisationen in Deutschland geradezu gezwungen waren, eigenen Nachwuchs auszubilden). Doch auch bei DITIP als staatlicher Institution gab es einen Strukturwandel: Die Imame sollten deutsch lernen, bevor sie nach Deutschland kommen.

    Die soziale Funktion eines Imams damals und heute

    Insbesondere Türken sind es gewohnt, bei fast allen den Alltag betreffenden Angelegenheiten einen Imam zu fragen um sie somit „absegnen“ zu lassen. Das ist z.B. der Fall wenn

    • ein Kind geboren wird und man einen guten Namen sucht,
    • jemand um die Hand der Tochter bittet,
    • jemand für die heiratsfähigen Söhne und Töchter einen Partner sucht,
    • der Sohn im Gefängnis sitzt und man zu stolz ist, ihn zu besuchen,
    • sich jemand gezwungen sieht, eine Person zu heiraten, die man nicht möchte (hier fungiert der Hodscha als Verbündeter),
    • ein Beruf gewählt werden soll,
    • wichtige geschäftliche Entscheidungen getroffen werden müssen.
    • Nicht selten muß der Imam vermitteln, wenn zwischen den Eltern und den Jugendlichen keine Gespräche möglich sind.
    • Wie weit der Hodscha hier qualifiziert Rat und Hilfe zu geben vermag, ist abhängig von seinen menschlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten als auch von seiner Interessenlage. So fühlt sich der eine verantwortlich für alle Belange der Gemeinde, während der andere seine Aufgaben lediglich in der Verrichtung religiöser Tätigkeiten sowie Koranunterricht und Freitagspredigt sieht.

    Veränderungen in der zweiten Generation

    Mit dem Generationswechsel in den Gemeinden beobachten wir, dass in den letzten Jahren der Dialog zwischen den Mitgliedern und dem Hodscha wieder intensiver geworden ist. Eine spürbare Veränderung entstand auch dadurch, dass die berufstätigen Hodschas, die nach der Schicht in die Moschee gingen und sich der Gemeindearbeit widmeten, von den Hauptamtlichen abgelöst wurden.

    Mittlerweile bemühen die Hodschas Gemeindemitglieder in den Moscheen, die bei sozialen Belangen als Ansprechpartner mitarbeiten. Es gibt allerdings immer noch Schwierigkeiten: Insbesondere im Umgang mit Jugendlichen sind die meisten überfordert, sie erreichen zwar eine bestimmte Gruppen (die in die Moschee kommen), doch zu großen Teilen der Jugendlichen ist mit den bisherigen Methoden kein Zugang möglich. Häufig werden Möglichkeiten und Methoden der Jugendarbeit im Gespräch mit den Kirchen thematisiert.

    Die Ansprüche der Gemeinden sind größer geworden, viele beschäftigen sich intensiv mit Fragen ihrer Minderheitensituation in einer christlich geprägten Gesellschaft. Sie hinterfragen herkömmliche Lehr-methoden in den Koranschulen wie auch das Verhältnis zwischen Gemeinde und Hodscha mit den tra-ditionellen Aufgabenbereichen, Zuständigkeiten und Umgangsformen.

    Die Themen der Predigten sind ausgeprägter und detaillierter, Hodschas müssen sich mehr mit kritischen Fragen beschäftigen, wozu ihr Wissen nicht immer ausreicht.

    Die Bedeutung des Koranunterrichts hat sich verlagert: Während früher fast ausschließlich religiöse Wissensvermittlung gewünscht war, hat heute der Koranunterricht als Ort der Beratung und Unterstützung in vielen Alltagsfragen an Bedeutung gewonnen, die je nach LehrerIn mehr oder weniger erfolgreich ist.

    Zusammenfassend ist festzuhalten, dass im Bereich psychosozialer Beratung durch die sich veränderte Situation bei den Hodschas durchaus ein Bedarf an fachlicher Hilfe besteht, wie auch eine erste kurze Umfrage gezeigt hat. Hier ist besonders die Jugendarbeit zu nennen, wo bestimmte Gruppen muslimischer Jugendlicher mit den bisherigen Methoden nicht mehr erreicht werden, zumal während der Ausbildung der Hodschas diese Fragen nahezu keine Rolle gespielt haben. Hier müssen zukünftig sicherlich Änderungen erfolgen.

    Psychosoziale Beratungsstellen in den Moscheen selbst einzurichten, halte ich für sehr schwierig, da die Schwellenangst für viele zu groß ist. Sinnvoller sind neutrale Stellen, die eng mit den Hodschas und den Moscheen zusammenarbeiten.