Mit dem Namen ALLAHs, des Barmherzigen, des Allerbarmers, bismi ʾllāhi ʾr-raḥmāni ʾr-raḥīm

Kategorie: Allgemein

  • Stellungnahme zum ZMD Austritt

    Die IASE war über 20 Jahre Mitglied im ZMD. Da wir keine Moscheen hatten und damit kein Verband waren, hatten wir von Beginn an eine Sonderstellung. Trotzdem war es interessant und hilfreich, durch die Teilnahme an den Vertreterversammlungen die Entwicklungen des organisierten Islams in Deutschland verfolgen zu können.

    In den letzten Jahren hat sich die IASE auf den Weg von einem Netzwerk muslimischer Sozialberufler hin zu einer Fachgesellschaft gemacht, die sich sowohl mit grundlegenden wissenschaftlichen Themen im Bereich Islam und Psychologie sowie Islam und Erziehung befasst als auch mit den praktischen Auswirkungen dieser Themen auf das Leben der Muslime. Diese Entwicklung wird durch die vermehrte Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen sowie die Durchführung wissenschaftlicher Tagungen und einschlägige Veröffentlichungen unterstrichen.

    Der ZMD versteht sich als Religionsgemeinschaft und Dachorganisation von derzeit 35 muslimischen Dachorganisationen, Gemeinden und Einzelmitgliedern. Seine wichtigste Aufgabe ist es, das muslimische Leben und die islamische Spiritualität in Deutschland zu fördern und den Muslimen die Ausübung ihrer Religion zu ermöglichen und zu erleichtern.

    Daher hat uns die vom neuen Vorstand der IASE beschlossene strategische Neuausrichtung des Vereins in wissenschaftlicher Hinsicht, aber auch sein Bemühen um finanzielle und (gesellschafts-) politische Neutralität bewogen, unsere Mitgliedschaft im ZMD als Verein zu beenden.

    Wir werden dem ZMD und seinen Mitgliedern natürlich auch zukünftig mit unserer Expertise zur Verfügung stehen. Wir sind dem ZMD außerdem dankbar für seine jahrzehntelange Unterstützung und wünschen allen Mitgliedsorganisationen als auch dem ZMD selbst auch weiterhin eine erfolgreiche Arbeit.

    Der IASE Vorstand

  • Blogreihe: Islam und Psychologie – Gegenstand und Geschichte – Teil 2

    2. Historischer Abriss

    „Lies, und dein Herr ist der Edelste, Der (das Schreiben) mit dem Schreibrohr gelehrt hat, den Menschen gelehrt hat, was er nicht wußte …“ (Qur’an, 96:3–5).

    Schon die ersten Verse der qur’anischen Offenbarung an Muhammad sind Programm: Die Betonung des Verstandes, des Denkens, der Kontemplation und der Suche nach Wissen zieht sich durch den ganzen Qur’an (z. B. 3:190; 29:38; 2:44; 31:20) und die Sunna (arab. Gesamtheit der prophetischen Überlieferungen). Ein bekannter Hadith (arab. prophetischer Ausspruch) lautet: „Beim Jüngsten Gericht werden die Tinte der Gelehrten und das Blut der Glaubenskämpfer gewogen – und die Tinte der Gelehrten wird mehr wiegen als das Blut der Glaubenskämpfer“ (Hofmann, 1995).

    Vor dem Hintergrund dieses spirituellen Motivs für das Streben nach Erkenntnisgewinn kamen die Muslime der Frühzeit im Rahmen der raschen Ausbreitung des islamischen Reiches von der iberischen Halbinsel bis nach Indien mit den verschiedensten Kulturen in Kontakt und entwickelten sich „zu einer regelrechten Wissensgesellschaft, die durch Dynamik und ein hohes Maß religiöser Toleranz sowie intellektueller Offenheit gekennzeichnet war“ (Günther, 2016, S. 214). In diesem Rahmen begann über mehr als 200 Jahre eine rege Übersetzertätigkeit, sodass schließlich fast die gesamte wissenschaftliche Literatur der Antike, die Philosophie eingeschlossen, auf Arabisch verfügbar war und von den Muslimen auf Grundlage ihrer eigenen Fragestellungen weiterentwickelt wurde (Rudolph, 2013). Der Beitrag  früher muslimischer Gelehrter zur Entwicklung der Wissenschaften ging dabei weit über die ausschließliche Übersetzung und Bewahrung griechischer Werke hinaus (Abou-Hatab, 1997).

    2.1 Frühe/traditionelle muslimische Gelehrte

    „Die Psychologie hat eine lange Vergangenheit, doch nur eine kurze Geschichte“ (Ebbinghaus, 1908, S. 1).

    Ein Großteil der Schriften muslimischer Gelehrter, die für die Psychologie (arab. Ilm Al-Nafs), Psychotherapie (arab. Al-Ilaadsch Al-Nafsi) und Psychiatrie (arab. Al-Tibb Al-Ruhani/Al-Tibb Al-Qalb) von Bedeutung sind, fallen in die Phase der sogenannten Blütezeit des Islams vom 9.–13. Jahrhundert (Deuraseh & Abu Talib, 2005; Elzamzamy & Patel, in Vorb.; Koenig & Al Sohaib, 2017; Lombard, 1992). Da sich die Psychologie und insbesondere die Psychotherapie als eigenständige Fachgebiete jedoch erst im 19. bzw. 20. Jahrhundert entwickelten, finden sich Überlegungen zu diesen Themen verstreut in den medizinischen und philosophischen Werken der frühen Gelehrten von Al-Kindi (gest. 866) bis Ibn Arabi (gest. 1240). Amin (1996), Düzgüner und Şentepe (2015), Amber Haque (2004, in diesem Band), Akbar Husain (2017), Ajmal Majeed und K.P. Jabir (2017), A.A. Ibrahim (2012) und Ahmed Vahab (1996b, in diesem Band) geben in ihren englischen Arbeiten und Saleh (2010) in Übersetzung erstmals auf Deutsch einen Überblick über die thematischen Beiträge der wichtigsten Gelehrten dieser Zeit. Die herausragenden Gestalten dieser Epoche sind Al-Kindi, Al-Farabi, Al-Balkhi, Ibn Sina, Ibn Rushd und insbesondere Al-Ghazali (Awaad & Ali, S., 2015, 2016; Nasr & Leaman, 2001). Letzterer entwickelte eine Theorie über die Zusammenhänge seelischer Strukturen und wird häufig rezipiert (siehe: Abu-Raiya, 2012, in diesem Band; Keshavarzi & Haque, 2012; Skinner, 1989, 2010).

    Die sogenannte Blütezeit des Islams ist nicht nur durch grundlagenwissenschaftliche und anwendungsorientierte Forschung gekennzeichnet, sondern auch durch den Aufbau von Krankenhäusern bzw. Abteilungen für psychisch kranke Menschen (Paladin, 1998). Beispiele sind die Errichtung von solchen Abteilungen in den Hospitälern in Bagdad (981), Damaskus (1151), Aleppo (1270) und das 1283 gegründete Mansur-Hospital als größtes Krankenhaus des Mittelalters mit einer psychiatrischen Abteilung; später auch Hospitäler in Granada (1375), Valencia (1409), Saragossa (1425), Sevilla (1436) und Toledo (1483). Krankenhausstrukturen und Behandlungsalltag muten auch aus heutiger Sicht vorbildlich und modern an (Bay, 1967; Payk, 2005).

    In der darauffolgenden sogenannten Phase des Niedergangs vom 14.–19. Jahrhundert nahmen die Arbeiten zur Psychologie ab. Diese erfuhren in der sogenannten Phase der Wiederbelebung im 20. und 21. Jahrhundert mitunter als Folge einer erneuten Konfrontation mit „westlichen“ Wissenschaften erneut an Bedeutung.

    In 2 Wochen beschäftigen wir uns mit den Beschreibung von Thematiken, die heute in den Bereich der Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie fallen würden und mit denen sich muslimische Gelehrte insbesondere der ersten Phase auseinandergesetzt haben.



    Quellen

    ABU-RAIYA, Hisham, 2012. Towards a systematic Qura’nic theory of personality. Mental Health, Religion & Culture [online]. 1 März 2012. Bd. 15, Nr. 3, S. 217–233. [Zugriff am: 21 April 2025]. DOI 10.1080/13674676.2011.640622. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1080/13674676.2011.640622

  • Lese-Ecke: Neuer Artikel von Abdallah Rothman

    As-salamu alaikum!

    Gerne möchten wir Euch auf folgende Veröffentlichung hinweisen:

    Rothman, A., & Coyle, A. (forthcoming). Conceptualizing an Islamic psychotherapy: A grounded theory study. Spirituality in Clinical Practice.

    Einordnung

    Kürzlich hat Abdallah Rothman eine erste Grounded Theory Studie zu einem Modell der Seele veröffentlicht, in der er 18 Akademiker und muslimische Religionsgelehrte hinsichtlich ihres Verständnisses von Konzepten wie Ruh, ‚Aql, Nafs, Qalb und Fitra befragt hat. In York Al-Karams Sammelband zur islamintegrierten Psychotherapie lieferte Rothman daraufhin einen ersten Entwurf seines bottom-up Ansatzes der islamischen Psychotherapie, den er nun in einer neuen Grounded Theory Studie weiter ausformuliert. Dazu hat er 18 muslimische Psychotherapeuten interviewed, die der Überzeugung sind, islamische Konzepte der Psychologie in ihre klinische Arbeit zu integrieren. Das Ergebnis dieser Arbeit ist ein „Iceberg-Model“ der islamischen Psychotherapie:

    Abstract

    Many religiously committed Muslims do not seek psychotherapeutic services because of assumptions that psychotherapists will not engage with their religious values in an informed and open way. In light of this, an approach to psychotherapy is needed that explicitly values Muslims’ religious orientations and commitments and integrates these into clinical practice. The present study builds upon an Islamic model of the soul to develop a data-grounded, experiencebased model of Islamic psychotherapy. It does this by adopting a grounded theory approach to the analysis of interviews with 18 Muslim psychotherapists (12 men and six women) from six countries who believed that they integrate Islamic conceptions of psychology into their clinical practice. The ways in which participants understood and applied the four levels of the structure of the soul (the nafs or ‘lower self’; the aql or ‘intellect’; the qalb or ‘heart’; and the ruh or ‘spirit’) in formulating an Islamic psychotherapy are examined. Their conceptualizations and reports of practice spoke of a holistic psychology with an emphasis on embodiment and of psychological difficulties occurring because of blockages or imbalances at the levels of the soul. These were seen as needing to be released to enable clients to align more closely with their pure and good nature that comes from and is connected to God. Participants expressed caution about over-stepping their knowledge and expertise and venturing into deep religious guidance. From these insights, an ‘iceberg model’ of Islamic psychotherapy is developed.

  • Blogreihe: Islam und Psychologie – Gegenstand und Geschichte – Teil 1

    Literatur zum Thema islamische Psychologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrem Gegenstand

    Einführung

    Nachdem wir uns im IASE Blog bereits den Themenfeldern „Die Terra Incognita der islamischen Psychologie“ und den „Instituten und Vereinigungen muslimischer Psychologen“ zugewandt haben, beschäftigen wir uns in dieser Blogreihe detaillierter mit der Literatur zum Thema islamische Psychologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrem Gegenstand. Diese Blogreihe wird alle zwei Wochen am Sonntag erscheinen.

    In einem historischen Abriss stellen wir zunächst die Positionen der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit dar, die sich mit psychologischen, psychotherapeutischen und psychiatrischen Inhalten beschäftigt hat. Daraufhin wollen wir skizzieren, wie zeitgenössische muslimische Psychologen auf diesem intellektuellen Erbe aufbauen und stellen deren gegenwärtige Bemühungen um einen modernen Entwurf einer islamischen Psychologie dar. Diese Entwürfe sollen in der Gegenstandsbeschreibung detailliert erläutert und die Gegenwartsliteratur einer kritischen Würdigung unterzogen werden, um auf dieser Grundlage Chancen und Grenzen zukünftiger Entwicklungen auszuleuchten.

    Die Inhalte sind aus der theoretischen Einführung in den Sammelband „Islam und Psychologie – Beiträge zu aktuellen Konzepten in Theorie und Praxis“ entnommen, der zum Beispiel hier erhältlich ist.

    Wir wünschen Euch viel Spaß mit dieser Blogreihe!

    Nächster Beitrag: Teil 2

  • Lese-Ecke: Grundlagen muslimischer Seelsorge – Die muslimische Seele begreifen und versorgen

    As-salamu alaikum!

    Gerne möchten wir Euch auf folgende Veröffentlichung hinweisen:

    Über dieses Buch

    „Muslimische Seelsorge ist ein Beispiel dafür, wie die Praxis vorausgeht und die theologische Reflexion in einem zweiten Schritt folgt. Um sich als anerkannte Profession in Krankenhäusern, Gefängnissen oder Schulen zu etablieren, die einer je eigenen institutionellen Logik folgen, führt kein Weg an einer vertieften theoretischen Arbeit vorbei. Dieser Sammelband widmet sich der wissenschaftlichen Reflexion über Seelsorge, die heute in einem komplexen interdisziplinären Feld stattfindet und auf psychologische, soziologische, pädagogische und weitere Positionen als Gesprächspartnerinnen und -partner angewiesen ist.“

     

    Inhaltsverzeichnis

     

    • Grundlagen muslimischer Seelsorge – die Sorgen der Seele begreifen und versorgen

      Seiten 1-10

      Badawia, Tarek (et al.)

    • Seelsorge für Muslime? Fragestellungen, Ressourcen und Konzepte – eine muslimische Perspektive

      Seiten 13-35

      Erdem, Gülbahar

    • Phänomenologische Annäherung an Seelsorge – ein Beitrag zum christlich-islamischen Gespräch

      Seiten 37-59

      Wenz, Georg

    • Seelsorge, Therapie und Beratung – begriffliche und professionelle Differenzierungen

      Seiten 61-70

      Rüschoff, Ibrahim

    • Islamische Seelenvorstellungen und die Herausforderungen der Moderne

      Seiten 73-88

      Hajatpour, Reza

    • Der Begriff „nafs“ im Koran und seine Interpretation – Anwendungsmöglichkeiten im Kontext islamischer Seelsorge

      Seiten 89-105

      Hundhammer, Marianus

    • Eine interdisziplinäre Orientierung für islamisch kognitive Theorien

      Seiten 107-126

      Kaplick, Paul M. (et al.)

    • Psyche und Seele – eine mystische Betrachtung

      Seiten 127-136

      Kamran, Talat

    • Spiritualität in der islamischen Seelsorge

      Seiten 137-150

      Tittus-Düzcan, Rabia

    • Glauben in der Krise – muslimisch-seelsorgerliche Begleitung im Horizont der Zuwendung Gottes

      Seiten 153-171

      Roters, Daniel

    • Leid und Geduld – ein muslimisch-seelsorgerlicher Weg zur Bewältigung

      Seiten 173-186

      Aydınlı, Fatma

    • Gut und Böse – der Ursprung des Bösen und die Theodizee – (k)ein Thema für die islamische Theologie?

      Seiten 187-205

      Suleiman, Farid

    • Scham und Schuld – Selbsterfahrungen zwischen Fremdkontrolle und Selbstregulation

      Seiten 207-225

      Badawia, Tarek

    • Rechtleitung und Irregehen – Lebensführung zwischen Fatalismus und eigener Verantwortung

      Seiten 227-240

      Güneş, Merdan

    • Demut und Hochmut – Humility and its importance on the process of spiritual-religious counseling and care

      Seiten 241-252

      Ayten, Ali (et al.)

    • Hoffnung und Hoffnungslosigkeit als Konzept der muslimischen Seelsorge

      Seiten 253-277

      Ağılkaya-Şahin, Zuhal

    • Bestrafung und Vergebung – Die Barmherzigkeit Gottes in einem spannungsreichen Verhältnis

      Seiten 279-292

      Abdallah, Mahmoud

    • Sünde, Reue und Vergebung

      Seiten 293-302

      Tosun, Cemal

    • Glück – Unglück im Kontext islamischer Seelsorge

      Seiten 303-313

      Şahinöz, Cemil

    • Tun oder Lassen am Lebensende? Muslimische Seelsorge in der Palliativbetreuung

      Seiten 317-332

      Kellner, Martin

    • Eine verletzte Kinderseele – religionspädagogische Überlegungen für die Schulseelsorge

      Seiten 333-350

      Topalovic, Said

    • Praktische Seelsorge im Gemeindeleben Erfahrungen mit muslimischer Sterbebegleitung

      Seiten 351-367

      Krausen, Halima

    • Die Aufgabe der muslimischen Gefängnisseelsorge in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierungen

      Seiten 369-382

      Khelladi, El Hadi

    • Das Berliner Modell der Religiösen Betreuung muslimischer Inhaftierter

      Seiten 383-388

      Knobloch, Sybill (et al.)

    • Interreligiöse Seelsorge – eine islamische Perspektive

      Seiten 389-397

      Hibaoui, Abdelmalek