Mit dem Namen ALLAHs, des Barmherzigen, des Allerbarmers, bismi ʾllāhi ʾr-raḥmāni ʾr-raḥīm

Kategorie: Allgemein

  • Blogreihe: Islam und Psychologie – Gegenstand und Geschichte – Teil 5

    Blogreihe: Islam und Psychologie – Gegenstand und Geschichte – Teil 5

    Was motiviert das gegenwärtig wachsende Interesse an einer islamischen Psychologie?

    Obwohl in der englischsprachigen Literatur bereits 1928 eine Arbeit zu Studien der Psychologie des Islams (Alter, 1928) mit Abschnitten zur Psychologie des Propheten Muhammads und der großen Mystiker des Islam verfasst wurde und 1963 der erste Beitrag zum Thema einer islamischen Psychologie in Form eines Buchkapitels des ägyptischen Psychologen Ahmad Fouad Al-Ahwani erschien (Moughrabi, 2000, in diesem Band), führte erst 1979 das Büchlein The Dilemma of Muslim Psychologists von Malik Badri, bei dem es sich allerdings eher um eine Streitschrift handelt, zu einer breiten Diskussion in der muslimischen Welt. Badri, ein 1932 im Sudan geborener und an der Amerikanischen Universität Beirut, Libanon, und in Großbritannien ausgebildeter Psychologe und Psychotherapeut, lehrte an verschiedenen Hochschulen im Sudan, Malaysia und Saudi-Arabien und veröffentlicht bis heute Beiträge zum Thema. Er traf mit seinem Buch in der muslimischen Fachwelt auf eine Situation, die in verschiedener Hinsicht auf die neue Entwicklung vorbereitet war.

    In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren viele Muslime nach Europa und in die USA gekommen und hatten hier ihre psychologische bzw. therapeutische Ausbildung mitunter durch Stipendien aus arabischen Ländern erhalten, mit der sie dann zum Teil in ihre Heimatländer zurückkehrten (Al-Hashmi, 1981; Mohamed, W., 2012; Reid, 1990). Mit ihrer Ausbildung stießen die muslimischen Psychologen in ihrer Heimat, sei es Ägypten, Saudi-Arabien oder Pakistan, jedoch auf große Probleme. So erreichten sie zumeist nur eine kleine, moderne, westlich gebildete und elitäre Patientenpopulation, während der Großteil der Bevölkerung von der Versorgung ausgeschlossen blieb. Gründe waren neben mangelnden finanziellen Möglichkeiten und gesellschaftlicher Tabuisierung psychischer Krankheiten vor allem soziale, kulturelle und religiös differierende Auffassungen über die Natur seelischen Erlebens und seelischer Erkrankungen und die daraus abgeleiteten Therapiemethoden und Therapieziele, die aus westlichen Konzepten entstanden und an westlichen Patienten entwickelt wurden (Al-Abdul-Jabbar & Al-Issa, 2000; Hartmann, 2007; Kakar, 2012).

    Neben der Ausbildung in der westlichen Hemisphäre wurden Studiengänge der Psychologie auch in der arabischen Welt zügig nach amerikanischem oder französischem Modell aufgebaut (Ibrahim, A.A., 2012). Ägypten gilt als das erste arabische Land, in dem die Psychologie in den 20er und 30er Jahren – in der sogenannten Phase der Imitation nach Al-Hashimi (1981) – an den Universitäten beheimatet wurde (Mohamed, W., 2012). So wurde zum Beispiel 1911 die erste Vorlesung im arabischen Raum zur Psychologie der Frau an der Universität Kairo gehalten (Universität Kairo, 1983). In Ägypten wurden die psychologischen Studiengänge zunächst von französischen Psychologen organisiert, die diese in den 1940er Jahren an ägyptische Psychologen übergaben. Langfristig führte dies zur Installation von Studiengängen in Psychologie in der gesamten islamischen Welt (z. B. in den 1950er Jahren in der Türkei und den 1960er Jahren im Iran und Libanon; Ağilkaya-Şahin & Sevïnç, 2015; Ahmed, R.A., 2012; Alipour, 2007) und vor allem in der ersten Zeit zu einer relativ großen psychoanalytischen Szene Freudscher Ausrichtung.

    Während ihrer Ausbildung waren die Muslime mit einem Wissenschaftsverständnis und einem Menschenbild konfrontiert, das als atheistisch imponierte und in denen Religion und Spiritualität nicht nur keinen Platz hatten, sondern als unaufgeklärte Einstellung verstanden wurden, die es in der Therapie zu überwinden galt. Wer seine Religiosität nicht aufgab, galt in der orthodoxen Psychoanalyse sogar als nicht therapiefähig (Utsch, 2014). Hierunter litten besonders muslimische Psychologen und Therapeuten, die ihre Religion praktizierten und den (durchaus zutreffenden) Eindruck hatten, dass mit den Inhalten ihrer Ausbildung ein wesentlicher Teil ihrer muslimischen Identität unterbestimmt blieb und daher nach Möglichkeiten suchten, diesen in ihr berufliches Selbstverständnis und ihre Behandlung zu integrieren (Badri, 1979; Skinner, 1989).

    Die in den westlichen Ländern praktizierenden muslimischen Psychologen trafen im Rahmen der großen Migrationsbewegungen der postkolonialen Zeit und der Arbeitsmigration der 60er und 70er Jahre auf muslimische Patienten, die sich in ihrer Situation als Minderheit in einer modernen, säkularen Industriegesellschaft mit der Frage konfrontiert sahen, wie sie hier als Muslime leben und welche adäquaten Hilfen sie im Falle seelischer Krisen und Erkrankungen erhalten konnten (Rüschoff, 1989). Die Migranten stammten aus ganz unterschiedlichen Nationen, Kulturen und verschiedenen islamischen Rechtsschulen, hinzu kam eine wachsende Zahl einheimischer Konvertiten. Für sie alle mussten einerseits kultursensible Ansätze entwickelt (Rezapour & Zapp, 2011) und vor allem das Problem gelöst werden, die islamischen Inhalte im Geist der Quellen und Überlieferungen für ein Leben im Westen kulturübergreifend zu entwickeln.

    Diese unterschiedlichen Situationen wurden umfasst von einer Entwicklung in der gesamten islamischen Welt, in der die Religion nach dem Scheitern des Kommunismus und der häufig sozialistisch orientierten, säkularen Gesellschaftsmodelle in der arabischen Welt wieder vermehrt an Bedeutung gewann und mit den politischen Veränderungen im Iran, die zur Gründung der Islamischen Republik führten, einen Kristallisationspunkt erhielt. Dies führte insgesamt zu einer vermehrten Rückbesinnung und Stolz auf die eigene Religion, ihre großartigen kulturellen Leistungen und das damit verbundene historische Erbe. Für muslimische Psychologen bedeutete das auch und vor allem die Frage nach den Beiträgen der frühen muslimischen Gelehrten und Philosophen zum Thema Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie und deren Integration in moderne wissenschaftliche Konzepte (Ghobari & Bolhari, 2001).

    In 2 Wochen werden wir uns näher mit der Literatur auseinandersetzen, die von muslimischen Psychologen in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren verfasst wurde.

    Über diese Blogreihe

    Nachdem wir uns im IASE Blog bereits den Themenfeldern „Die Terra Incognita der islamischen Psychologie“ und den „Instituten und Vereinigungen muslimischer Psychologen“ zugewandt haben, beschäftigen wir uns in dieser Blogreihe detaillierter mit der Literatur zum Thema islamische Psychologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrem Gegenstand. Diese Blogreihe erscheint alle zwei Wochen am Sonntag. Die Inhalte sind aus der theoretischen Einführung in den Sammelband „Islam und Psychologie – Beiträge zu aktuellen Konzepten in Theorie und Praxis“ entnommen, der zum Beispiel hier erhältlich ist. Darin findet Ihr auch ein Literaturverzeichnis für die verwendeten Quellen.

  • VIDEO: Gewalt – ein Mittel zur Konfliktlösung?

    As-salamu alaikum!

    Gerne möchten wir Euch auf folgendes Video von der IASE Fachtagung „Gewaltprävention und -intervention in der psychosozialen Arbeit mit Muslimen“ aus dem Jahr 2015 aufmerksam machen, das nun auf Youtube verfügbar ist:

    Wir wünschen Euch viel Spaß!

    Euer IASE Team

  • Blogreihe: Islam und Psychologie – Gegenstand und Geschichte – Teil 4

    Blogreihe: Islam und Psychologie – Gegenstand und Geschichte – Teil 4

    2.2 Muslimische Psychologen der Gegenwart

    Die dritte und aktuelle Phase der Wiederbelebung lässt sich speziell für die islamische Psychologie auch als Periode der muslimischen Psychologen der Gegenwart darstellen. Hier lassen sich zwei Arten von Beiträgen unterscheiden: Veröffentlichungen muslimischer Psychologen der Gegenwart und die Etablierung institutioneller Strukturen (Elzamzamy & Patel, in Vorb.).

    Veröffentlichungen muslimischer Psychologen der Gegenwart finden sich hauptsächlich in der arabisch- und englischsprachigen Literatur. Zu den wichtigen Publikationen in der arabischen Literatur gehören Die sensorische Wahrnehmung nach Ibn Sina (Najati, M., 1948), Der Mensch zwischen der materiellen Welt und dem Islam (Qutb, 1952), Psychologische Studien der Muslime (Al-Othman, 1962), Die Psychologie des Islams (Al-Ahwani, 1963) und Die prophetische Tradition und die Psychologie (1979) und Der Qur’an und die Psychologie (1982) von Muhammad Uthman Najati. Letzerer gilt dabei als zentraler Vordenker in der arabischen Literatur (Badri, 2000). Eine erste grobe Übersetzung seiner arabischsprachigen Einführung in die islamische Psychologie (Najati, M.U., 2001) ins Englische hat begonnen anekdotisch zu belegen, dass eine gewisse Übereinstimmung der Inhalte von arabischen und englischen einführenden Texten zur islamischen Psychologie besteht (Ali, S., 2009). Najati beginnt seine Arbeit mit der Diskussion verschiedener Ausdrücke und Definitionen wie der Islamisierung der Psychologie, der islamischen Orientierung bzw. Perspektive auf die Psychologie oder auch islamischer Authentifizierung der Psychologie, um das Feld der islamischen Psychologie zu beschreiben. Dies zeigt die Uneinheitlichkeit in der verwendeten Terminologie, die verschiedenen Beschreibungen werden hier im Abschnitt der Gegenstandserläuterung näher beleuchtet. Auch betrachtet Najati (2001) erkenntnistheoretische Grundlagen zum Verständnis einer islamischen Psychologie, präsentiert einen Plan zur langfristigen Etablierung einer islamischen Psychologie und schließt mit einer Kritik der westlichen Psychologie ab. Eine systematische Sichtung und Erschließung der arabischsprachigen Arbeiten steht allerdings aus.

    In der englischsprachigen Literatur ist die Arbeit The Dilemma of Muslim Psychologists von Malik Badri (1979) der zentrale Referenzpunkt für den Beginn einer theoretischen Auseinandersetzung (Moughrabi, 2000, in diesem Band; Kaplick & Skinner, 2017). Somit ist festzuhalten, dass die arabische Literatur sich in ihren Anfängen bereits 30 Jahre früher mit Inhalten einer islamischen Psychologie auseinanderzusetzen begann. Genauso wie muslimische Psychologen der Gegenwart auf den frühen muslimischen Gelehrten wie z. B. Al-Ghazali aufbauen, finden sich auch Texte dieser Psychologen, die auf Gelehrten der dritten Phase der Wiederbelebung aufbauen. So spielen z. B. Muhammad Iqbal (Abdul Razak, M.A., 2013, 2014) oder auch Said Nursi (Tekke & Watson, 2017) eine Rolle in der Literatur.

    Strukturell lassen sich Vereinigungen und Fachzeitschriften unterscheiden. Zu den Pionierarbeit leistenden Institutionen gehören die amerikanische Association of Muslim Social Scientists (gegr. 1972; seit 2013 bekannt als North American Association of Islamic and Muslim Studies), die marokkanische Islamic Educational, Scientific and Cultural Organization (gegr. 1979), das in Amerika ansässige und bis heute wirkende International Institute of Islamic Thought (gegr. 1981) mit der assoziierten  Fachzeitschrift The American Journal of Islamic Social Sciences, die saudische The Saudi Association of Educational and Psychological Studies (gegr. 1985), die in Malaysia etablierte, jedoch kaum noch aktive International Association of Muslim Psychologists (gegr. 1997)* und die noch bis vor 10 Jahren tätige World Islamic Association for Mental Health (gegr. 1983; Elzamzamy & Patel, in Vorb.; Kaplick & Skinner, 2017). Die American Arab, Middle Eastern, and North African Psychological Association wurde im August 2017 gegründet und tritt als erster Vertreter amerikanisch-arabischer Psychologen auf, deren Community auch ein Interesse an islamischen Inhalten pflegt (Amer & Awad, 2016). Eine Übersicht der Organisationen, die insbesondere in den letzten 10 Jahren gegründet wurden, findet sich für den amerikanischen und britischen Raum bei Kaplick & Rüschoff (2018) und für den indischen Subkontinent bei Kaplick (2018).

    Fachzeitschriften umfassen das ägyptische Journal of the Contemporary Muslim Organization, The Arab Gulf Journal, die amerikanischen Zeitschriften Journal of Muslim Mental Health (erscheint seit 2006 halbjährlich und ist seit 2011 open access), The American Journal of Islamic Social Sciences (erscheint seit 1984 vierteljährlich; Kaplick & Skinner, 2017; Kaplick & Rüschoff, 2018) und die halbjährlich in der Türkei erscheinende Zeitschrift Spiritual Psychology and Counseling (SPC). Das seit 2007 ebenfalls halbjährlich herausgegebene iranische Journal of Studies in Islam and Psychology ist bedauerlicherweise nur auf persisch verfügbar. Die Initiierung einer akademischen, internationalen, englischsprachigen Fachzeitschrift zur islamischen Psychologie befindet sich gelegentlich in Diskussion. Es besteht allerdings eine gewisse Skepsis, ob bei Einhaltung grundlegender akademischer Standards trotz niedriger Veröffentlichungsfrequenz ausreichend Literatur publikationsfähig sein wird.

    *Anmerkung: Seit Veröffentlichung haben sich neue Entwicklungen bei der IAMP ergeben, u.a. wurde im Dezember 2019 erstmalig das International Journal of Islamic Psychology herausgegeben. Ebenso sollten die im Oktober 2018 auf der ersten Tagung der IAIP in Istanbul vorgestellten Beiträge Mitte 2019 als erste Ausgabe des Journals der IAIP herausgegeben werden, dazu ist es jedoch bisher nicht gekommen.

    In 2 Wochen beschäftigen wir uns mit der Frage, welche Faktoren das gegenwärtig wachsende Interesse an einer islamischen Psychologie motivieren könnten.

    Über diese Blogreihe

    Nachdem wir uns im IASE Blog bereits den Themenfeldern „Die Terra Incognita der islamischen Psychologie“ und den „Instituten und Vereinigungen muslimischer Psychologen“ zugewandt haben, beschäftigen wir uns in dieser Blogreihe detaillierter mit der Literatur zum Thema islamische Psychologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrem Gegenstand. Diese Blogreihe erscheint alle zwei Wochen am Sonntag. Die Inhalte sind aus der theoretischen Einführung in den Sammelband „Islam und Psychologie – Beiträge zu aktuellen Konzepten in Theorie und Praxis“ entnommen, der zum Beispiel hier erhältlich ist. Darin findet Ihr auch ein Literaturverzeichnis für die verwendeten Quellen.

  • Lese-Ecke: Islam im interreligiösen Kontext von Spiritual Care (Spiritual Care, Volume 7, Issue 1)

    As-salamu alaikum!

    Gerne möchten wir Euch auf folgende Ausgabe der Fachzeitschrift Spiritual Care aus dem Jahr 2018 aufmerksam machen:

    Islam im interreligiösen Kontext von Spiritual Care (Spiritual Care, Volume 7, Issue 1)

    Inhalt

    Editorial

    Islam im interreligiösen Kontext von Spiritual Care – Holger Eschmann und Christian Zwingmann

    Spiritueller Impuls

    Sterbebegleitung interreligiös – Rotraud Wielandt

    Originalia

    Das Krankenhaus – ein interreligiöser Lernort? – Elisabeth Zissler

    Spiritualität und Seelsorge in der Gesundheitsversorgung von Muslimen – Ahmet Göksu und Ilhan Ilkilic

    Patientenselbstbestimmung als Ernstfall moderner praktischer Autonomie im Islam – Abdelmalek Hibaoui

    Türkischstämmige Gesundheitspersonen in Deutschland: Der Diaspora-Effekt – Can Kuseyri

    Zum Imam oder zum Psychotherapeuten? – Emine Balci-Sentürk und Henning Freund

    Chancen und Risiken differenter Systemlogiken im Krankenhaus: Perspektiven einer Kooperation von Seelsorge und Spiritual Care – Isolde Karle

    Religiosität/Spiritualität und psychische Gesundheit: Zentrale Ergebnisse einer Metaanalyse über Studien aus dem deutschsprachigen Raum – Christian Zwingmann und Bastian Hodapp

    „Gesunde“ und leidvolle Religiosität. Versuch einer psychiatrisch-psycho(patho)logischen Abgrenzung – Joachim Heinrich Demling

    Spirituelle Ressourcen für eine islamische Seelsorge – Essay Rabia Tittus-Düzcan

    Interview

    Inklusion von Behinderten: Mehr als „fromme Sprüche“. Ein Gespräch mit dem Orthopäden Prof. Dr. med. Siegfried Stotz – Eckhard Frick

    Das Stichwort

    Emisch / etisch – Eckhard Frick

    Tagungsbericht

    Zum Stand der islamischen Psychologie in Indien – Paul M. Kaplick

     

  • Blogreihe: Islam und Psychologie – Gegenstand und Geschichte – Teil 3

    Blogreihe: Islam und Psychologie – Gegenstand und Geschichte – Teil 3

    Themenbereiche

    Die Beschreibung von Thematiken, die heute in den Bereich der Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie fallen würden und mit denen sich muslimische Gelehrte insbesondere der ersten Phase auseinandergesetzt haben, sind soweit – abgesehen von wenigen Ausnahmen – nur in Arabisch (z. B. Al-Habeeb, 1999; Al-Mahdi, 1990; Harbi, 2011; Muhammad, 2013; Najati, M.U., 1993; Najati, M.A., 2009; Wessy, 2012) bzw. unsystematisch in deutschen und englischen Texten zur Medizinhistorie (z. B. Ali, A., 2009; Syed, 1981) und islamischen Philosophie (z. B. Nasr & Leaman, 2001; Polat et al., 2016; Rudolph, 2013) vorhanden. Eine erste Themenanalyse der Werke früher muslimischer Gelehrter mit Relevanz zum islamischen Verständnis der menschlichen Psychologie befindet sich gegenwärtig in Erarbeitung (Elzamzamy & Patel, in Vorb.). Die Autoren gliedern Beiträge dabei in die Bereiche psychologische Ideen und Theorien sowie psychologische Behandlungspraxis.

    Im Rahmen psychologischer Theorien und Ideen wandten sich Al-Kindi im 9. Jahrhundert, Al-Razi im 10. Jahrhundert sowie Ibn Hazm und Ibn Sina im 11. Jahrhundert der Formulierung von lerntheoretischen Prinzipien zu (siehe auch: Al-Razi, 2007; Bakhtiar, 2013a). Weiterhin wurde eine ausführliche Anlage-Umwelt-Diskussion von Ibn Miskawayah im 11. Jahrhundert und von Al-Ghazali im 12. Jahrhundert geführt. Darüber hinaus konzentrierten sich z. B. Al-Balkhi im 10. Jahrhundert und Ibn Al-Qayyim Al-Jawziyya im 14. Jahrhundert auf die Prävention und Behandlung psychischer Störungen (siehe: Al-Jawziyya, 2006; Awaad & Ali, S., 2015, 2016). Außerdem beschrieben Ibn Sina, Ibn Miskawayah, Al-Razi und Al-Balkhi die Bedeutung eines psychosomatischen Verständnisses von Krankheiten (siehe: Badri, 2013b), äußerten sich über eine physiologische Psychologie und zum Leib-Seele- Problem. Schließlich spielten interindividuelle Unterschiede in den Schriften von Ibn Al-Qayyim Al-Jawziyya, Ibn Sina, Ibn Miskawayah und Al-Ghazali eine große Rolle (Elzamzay & Patel, in Vorb.).

    Zur psychologischen Behandlungspraxis sind die Bemühungen um eine kognitiv orientierte Psychotherapie und die Klassifikationen seelischer Krankheit zu nennen. Grundzüge einer kognitiven Verhaltenstherapie wurden durch Gelehrte wie z. B. Al-Balkhi zur Behandlung von Phobien (Awaad & Ali, S., 2016) und Zwangsstörungen (Awaad & Ali, S., 2015) beschrieben (Badri, 1998, 2000; Haque, 2004). Dabei ist bemerkenswert, dass die Klassifikation und Definitionen dieser Störungen z. B. nach Al-Balkhi oder Al-Samarqandi aus dem 13. Jahrhundert große Ähnlichkeiten mit den heutigen diagnostischen Manualen wie dem DSM-5 aufweisen (Awaad & Ali, S., 2015, 2016; Elzamzamy & Patel, in Vorb.).

    Angesichts dieser Übereinstimmungen fragt Amir Babai (1999) in seiner Arbeit Zur Psychologie und Psychotherapie Ibn Sinas, wie die Vorstellungen Ibn Sinas und anderer Universalgelehrter zur Ätiologie psychosomatischer und psychischer Störungen Eingang in das Abendland und die modernen Modelle zur Entstehung von Krankheiten und deren Behandlung gefunden haben könnten und zeichnet mögliche Wege ausführlich nach. Er hält es für ausgeschlossen, dass die Forscher des 18. und 19. Jahrhunderts ohne Kenntnis der Auffassungen orientalischer Gelehrter zu solch verblüffend ähnlichen Ergebnissen gekommen sind (Babai, 1999). Direkte Einflüsse sind zwar schon angesichts der Tatsache anzunehmen, dass die medizinischen Hauptwerke von Al-Razi (lat. Liber Almansori) und Ibn Sina (lat. Canon medicinae) an europäischen Hochschulen für die Ärzteausbildung bis in das frühe 19. Jahrhundert verwendet wurden (Hofmann, 1995). Andererseits werden psychisches Befinden und Erleben, seelische Erkrankungen und Symptome, die im Verhalten der Patienten sichtbar werden oder über die sie berichten, damals wie heute vom Arzt beobachtet, beschrieben, differenziert, in ein System gebracht und auch nach dem Aufkommen moderner Psychopharmaka mit überwiegend aus praktischen Erfahrungen gewonnenen und entwickelten Therapiemethoden (Psychotherapie, Soziotherapie, Musik-, Beschäftigungs- und Arbeitstherapie, usw.) behandelt. So werden im deutschen Sprichwort „Übung macht den Meister“ oder der Wendung „Lernen aus Erfahrung“ allgemeine Lebenserfahrungen mitgeteilt, die nahezu kultur- und zeitunabhängig gelten und immer schon mehr oder weniger systematisch in Erziehungs- und Therapiemaßnahmen eingesetzt wurden, die man heute wissenschaftlich „verhaltenstherapeutisch“ nennt. So untertitelt denn auch Malik Badri seine Übersetzung und Kommentierung von Al-Balkhis Werk „Die Nahrung der Seele“ mit „Die kognitive Verhaltenstherapie eines Arztes des 9. Jahrhunderts“ (Badri, 2013b). Gerade weil hier allgemein menschliche Aspekte sichtbar werden, finden Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten nicht nur in „alten“ Lehrbüchern, sondern auch in der Literatur meisterhafte Beschreibungen seelischer Zustände (Dostojewski, Proust, Goethe). Aus diesem Grunde sind die Beobachtungen und Überlegungen der frühen muslimischen Gelehrten auch heute noch von Wert, auch und besonders, weil sie aus islamisch geprägten Kulturen von islamisch umfassend gebildeten Männern und Frauen stammen.

    Vor diesem Hintergrund werden damit auch die Grenzen der medizinischen Werke früher muslimischer Gelehrter deutlich, die sich in ihren pathophysiologischen Vorstellungen zumeist auf die griechische Humoralpathologie beziehen. Diese wurde mit Aufkommen einer differenzierten naturwissenschaftlichen und schließlich modernen Gerätemedizin zwangsläufig obsolet, sodass Vorstellungen z. B. Ibn Sinas heute im muslimischen Kontext nur noch von naturheilkundlich orientierten Ärzten als sogenannte „islamische“ bzw. „prophetische“ Medizin propagiert und angewandt werden (z. B. Khan, M.S., 1986).

    In 2 Wochen beschäftigen wir uns mit den Ideen muslimischer Psychologen der Gegenwart.

    Über diese Blogreihe

    Nachdem wir uns im IASE Blog bereits den Themenfeldern „Die Terra Incognita der islamischen Psychologie“ und den „Instituten und Vereinigungen muslimischer Psychologen“ zugewandt haben, beschäftigen wir uns in dieser Blogreihe detaillierter mit der Literatur zum Thema islamische Psychologie in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrem Gegenstand. Diese Blogreihe erscheint alle zwei Wochen am Sonntag. Die Inhalte sind aus der theoretischen Einführung in den Sammelband „Islam und Psychologie – Beiträge zu aktuellen Konzepten in Theorie und Praxis“ entnommen, der zum Beispiel hier erhältlich ist. Darin findet Ihr auch ein Literaturverzeichnis für die verwendeten Quellen.