Arbeitsgruppe Islam und Psychologie

Ein Projekt der Islamischen Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe e.V.

 

Was ist Spiritualität aus islamisch-psychologischer Perspektive? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, sehen wir von muslimischen Psychologen in der akademischen Literatur seit den späten 1970er Jahren zwei Bestrebungen: Zum einen reflektieren muslimische Psychologen moderne Theorien über die Natur des Menschen und entwerfen eine islamische Perspektive auf die gegenwärtige Psychologie. Zum anderen versucht man aus der intellektuellen Tradition des Islams, d.h. den islamischen Quelltexten und Schriften muslimischer Gelehrter, indigene Konzepte und Theorien über die menschliche Psychologie abzuleiten. Ziel der im Februar 2015 gegründeten Arbeitsgruppe ist es, zunächst die existierende englische, arabische und türkische Literatur zum Themenkomplex Islam und Psychologie systematisch aufzuarbeiten und mit Hilfe von Methodologien der interdisziplinären Studien in enger Zusammenarbeit mit der islamischen Theologie weiterzuentwickeln. Das langfristige Ziel besteht in der Findung einer kritischen Position zur islamischen Psychologie (IP), die sich nicht notwendigerweise an den Entwicklungen der vergangenen 40 Jahre in Großbritannien und den Vereinigten Staaten orientiert.

 

Die Arbeitsgruppe geht vier Schwerpunktinteressen nach:

 

1) Übersetzungsarbeit: Übersetzung der wichtigsten akademischen Arbeiten

 

Soweit hat unsere Arbeitsgruppe in einem Sammelband die englischsprachige Literatur der letzten 40 Jahre zum Themenkomplex 'Islam und Psychologie' zusammengefasst und anhand von exemplarisch ausgewählten Artikeln näher beleuchtet (Rüschoff & Kaplick, Waxmann, 2018). Weitere Projekte beschäftigen sich mit der arabisch- und türkischsprachigen Literatur.

 

2) Theorieentwicklung: Untersuchung der theoretischen und anwendungsorientierten Grundlagen einer islamischen Psychologie

 

Auf Grundlage des Modells der Interdisziplinären Forschung der Universität Amsterdam (Menken & Keestra, AUP, 2016) und einem Übersichtsartikel unserer Arbeitsgruppe (Kaplick & Skinner, European Psychologist, 2017) haben wir eine vorläufige Forschungsmethodologie für grundlagenwissenschaftliche Untersuchungen in der islamischen Psychologie entworfen (Kaplick et al., Zygon, 2019). Dabei wurden sowohl die Parameter der Zusammenarbeit von Psychologen, islamischen Theologen und arabischen Sprachwissenschaftlern (persönliche Kollaboration) als auch die inhaltliche Zusammenführung verschiedener disziplinärer Konzepte, Theorien und Methoden (inhaltliche Kollaboration) angerissen. Wir konzentrieren uns dabei auf die Integration von Inhalten aus der Kognitionspsychologie und den kognitiven und verhaltensbezogenen Neurowissenschaften mit der islamischen Epistemologie, Ontologie, Kosmologie, Metaphysik und Ethik - einen Bereich, den wir islamisch kognitive Theorien nennen. Konkret beschäftigen wir uns momentan mit der Entwicklung eines islamisch-kognitiven Erklärungsmodell der religiösen Erfahrung.

 

Im Rahmen der Psychotherapie baut die Arbeitsgruppe auf den frühen Veröffentlichungen der Islamischen Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe zur kultur- und glaubenssensiblen Psychotherapie auf (Douallal & Rüschoff, 1999; Laabdallaoui & Rüschoff, 2009, 2010; Rüschoff, 1988ab, 1992, 2000, 2003, 2010, 2011ab, 2013ab). Gegenwärtig beschäftigen wir uns mit der Möglichkeit einer spirituell integrierten Psychotherapie in einem islamischen Kontext. In diesem Sinne erschien kürzlich ein allgemeiner Überblick über die religiösen Ressourcen in der Psychotherapie mit Muslimen (Rüschoff, Spiritual Care, 2017) und ein Buchkapitel zur Integration islamischer Elemente in die Objektbeziehungstheorie (Rüschoff & Kaplick, Templeton Press, 2018). Ein weiteres Buchkapitel setzt sich mit einer spirituell integrierten Psychotherapie auseinander, die in der Traditionellen Islamintegrierten Psychotherapie (TIIP) verwurzelt ist (Ahmadi, Kaplick, & Loucif, 2019). Des Weiteren setzt sich ein längerfristig angelegtes Projekt mit der Fragestellung auseinander, wie muslimische Therapeuten und Berater in Deutschland islamische Elemente in ihre Arbeit mit muslimischen Patienten integrieren.

 

3) Vernetzung: Erfassung institutioneller Strukturen muslimischer Psychologen auf einer europäischen und internationalen Ebene und Vernetzung mit der islamischen Theologie in Deutschland

 

Für die Vernetzung von muslimischen Beratern, Psychotherapeuten und Psychiatern in Deutschland existiert seit Januar 2018 eine Whatsapp Gruppe, die ca. 230 Teilnehmer umfasst. Diese Gruppe ist für alle Interessierten mit entsprechendem Ausbildungshintergrund (auch im Studium bzw. Ausbildung) offen.

 

Darüber hinaus legen wir gegenwärtig einen E-Mail-Verteiler für islamische Theologen in Deutschland an, die wir regelmäßig über unsere laufenden Projekte informieren und für den Aufbau von Kooperationsprojekten nutzen möchten.

 

Um ein allgemeines Verständnis über die maßgeblichen psychologischen Institutionen in der IP zu gewinnen, wurden kürzlich die wichtigsten Vereinigungen in Großbritannien und Amerika (Kaplick & Rüschoff, Wege zum Menschen, 2018) und Indien (Kaplick, Spiritual Care, 2017) beschrieben, die sich mit der Beziehung zwischen Islam und Psychologie beschäftigen.

 

Auf einer nationalen und internationalen Ebene kooperiert die Arbeitsgruppe soweit mit folgenden Institutionen:

Ramsa Netzwerk für muslimische PsychologInnen

Ihsaan Serivce Bradford (Prof. Rasjid Skinner)

Khalil Center (Dr. Hooman Keshavarzi, Dr. Fahad Khan)

Institute of Muslim Mental Health (Prof. Dr. Hamada Hamid)

Stanford Muslims and Mental Health Laboratory (Prof. Dr. Rania Awaad)

The Al-Karam Institute (Prof. Dr. Carrie York Al-Karam)

Alif Institute (Abdullah Hasan)

Islamic Psychology Professional Association London (Nasima Khanom)

Indian council of Islamic perspective in psychology (Prof. Dr. Akbar Husain, Prof. Dr. Naved Iqbal)

Centre for Study and Research Hyderabad (Dr. Javed Zafar)

 

4) Langfristige Etablierung einer Literaturdatenbank für relevante Publikationen der Islam und Psychologie-Strömung

 

Die Literatur zu Islam und Psychologie ist schwer zugänglich, da sich die Strömung in einem frühen Entwicklungsstadium befindet, viele einführende Arbeiten in schwer zugänglichen Tagungs- und Sammelbänden aus den 70er und 80er Jahren enthalten und weiterhin viele Publikationsformate insbesondere im asiatischen Raum nicht in gängigen Suchmaschinen indiziert sind. Eine Kernaufgabe der Arbeitsgruppe bezieht sich daher auf die Entwicklung einer Literaturdatenbank, die die Literatursuche erheblich erleichtern soll und die sich auf theoretisch-konzeptionelle Arbeiten konzentriert. Bisher beschränkt sich die aufgenommene Literatur auf englischsprachige und teilweise deutsche Arbeiten; arabische Veröffentlichungen sind soweit noch nicht berücksichtigt worden. Empirische Arbeiten zu Muslimen (z.B. Arbeiten zu Muslim Mental Health) sind nicht aufgeführt, der Schwerpunkt liegt auf theoretischen Publikationen. Die Auswahlkriterien beziehen sich auf Titel und Abstract der Arbeiten. Ferner ist zu beachten, dass Publikationen ungeachtet ihrer (wissenschaftlichen) Qualität aufgenommen wurden.

 

Seit der Gründung dieser Arbeitsgruppe in 2015 haben wir durch verschiedene Reisen nach Großbritannien und in den asiatischen Raum ca. 500 Veröffentlichungen zum Thema 'Islam und Psychologie' zusammengetragen. Als Vorläufer der Datenbank steht diese Liste online zur Verfügung.

 

Unsere Publikationen (geordnet nach Veröffentlichungsjahr):

 

2019:

Ahmadi, T., Kaplick, P. M., & Loucif, A. (2019). Islamic Mechanisms for Spiritually Integrated Psychotherapy. In H. Keshavarzi, R. Awaad, & F. Khan (Eds.), Traditional Islamically Integrated Psychotherapy: Theory and Practice (in press).

Kaplick, P. M., Chaudhary, Y., Hasan, A., Yusuf, A., & Keshavarzi, H. (2019). An Interdisciplinary Framework for Islamic Cognitive Theories. Zygon - Journal of Religion and Science, 54(1) (in press).

 

2018:

Rüschoff, I., & Kaplick, P. M. (2018). Integrating Islamic Spirituality into Depth Psychotherapy with Muslim Patients. In C. York Al-Karam (Ed.), Islamically-Integrated Psychotherapy - Processes and Outcomes with Muslim Clinicians. (pp. 127-151). Templeton Press.

Rüschoff, I. (2018). Salafismus und psychische Störung. In A. Heinz, N. Mönter, & M. Utsch (Eds.), Religionssensible Psychotherapie und Psychiatrie. Basiswissen und Praxis-Erfahrungen.

Rüschoff, I. (2018). Vom Sinn des Dschinn. In E. Frick, I. Ohls, G. Stotz-Ingenlath, & M. Utsch (Eds.), Fallbuch Spiritualität in Psychotherapie und Psychiatrie (pp. 83-88). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Öz, T., & Kaplick, P. M. (2018). Grundbegriffe eines islamischen Persönlichkeitsmodells: Linguistische, exegetisch-theologische und psychologische Perspektiven. In M. Khorchide & A. M. Karimi (Eds.), Jahrbuch für islamische Theologie und Religionspädagogik - Was ist der Mensch. (pp. 111-145). Münster: Kalam Verlag.

Rüschoff, I., & Kaplick, P. M. (2018). Islam und Psychologie. Aktuelle Konzepte in Theorie und Praxis. Münster: Waxmann.

Kaplick, P. M., & Rüschoff, I. (2018). Islam und Psychologie in Großbritannien, den USA und Deutschland: Gegenwart und Zukunft von institutionellen Strukturen muslimischer Psychologen. Wege zum Menschen, 70(1), 78-88. doi: 10.13109/weme.2018.70.1.78

 

2017:

Kaplick, P. M. (2017). Tagungsbericht: Zum Stand der islamischen Psychologie in Indien. Spiritual Care, 7(1), 101-103. doi: 10.1515/spircare-2017-0050

Kaplick, P. M., & Skinner, R. (2017). Review: The evolving Islam and Psychology movement. European Psychologist, 22(4), 198-204. doi: 10.1027/1016-9040/a000297

Rüschoff, I. (2017). Religiöse Ressourcen in der Psychotherapie muslimischer Patienten. Spiritual Care, 6(1), 103-110. doi:10.1515/spircare-2016-0206.

Kaplick, P. M. (2017). Conference Report: The Islamic Association of Social and Educational Professions in Germany. The American Journal of Islamic Social Sciences, 34(3), 149-151.

 

Vor Gründung der Arbeitsgruppe:

Rüschoff, I. (2013b). Krankheitsvorstellungen von muslimischen Patienten in der Psychotherapie. In H. W. Hoefert & E. Brähler (Eds.), Krankheitsvorstellungen von Patienten. Herausforderung für Medizin und Psychotherapie (pp. 307-312). Lengerich: Pabst.

Rüschoff, S. I. (2013a). Seele und seelische Gesundheit im Islam. In J. Armbruster, P. Petersen, & K. Ratzke (Eds.), Spiritualität und seelische Gesundheit (pp. 153-161). Köln: Psychiatrie Verlag.

Rüschoff, I. (2011b). Die Befriedung des Selbst. In B. Ucar (Ed.), Islamische Religionspädagogik zwischen authentischer Selbstverortung und dialogischer Öffnung. Perspektiven aus der Wissenschaft und dem Schulalltag der Lehrkräfte. Reihe für Osnabrücker Islamstudien, Bd. 3 (pp. 47-56). Frankfurt: Peter Lang – Internationaler Verlag der Wissenschaften.

Rüschoff, I. (2011a). Psychisches Leiden und psychiatrische Behandlung von Menschen aus dem islamischen Kulturkreis. Kerbe. Forum für soziale Psychiatrie, 29(1), 11-12.

Rüschoff, I., & Laabdallaoui, M. (2011). Djinne, Zauber und „Böser Blick“ – Psychodynamik und Umgang mit traditionellen Krankheitsvorstellungen bei muslimischen Patienten. In T. Heise (Ed.), Integration, Identität, Gesundheit. Beiträge zum 5. Kongress des DTPPP in Klagenfurt. Das transkulturelle Psychoforum 19 (pp. 131-139). Berlin: VWB-Verlag für Wissenschaft und Bildung.

Laabdallaoui, M., & Rüschoff, S. I. (2010). Umgang mit muslimischen Patienten. Bonn: Psychiatrie Verlag.

Rüschoff, I. (2010). Psychische Erkrankungen und der Islam. In S. Ehm & M. Utsch (Eds.), Religiöse Krankheitsbewältigung. Zur Rolle von Christentum und Islam im Umgang mit psychischen Erkrankungen (pp. 7-14).

Laabdallaoui, M., & Rüschoff I. (2009). Ratgeber für Muslime bei psychischen und psychosozialen Krisen. Mössingen: Edition Bukhara.

Rüschoff, I. (2003). Islamische psychosoziale Beratungsarbeit – Ein Beitrag zur gesellschaftlichen Integration von Muslimen. In K. D. Hildemann & K. Hartmann (Eds.), Religion – Kirche – Islam. Eine soziale und diakonische Herausforderung(pp. 207-218). Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.

Rüschoff, I. (2000). Zwischen Caritas und Diakonie – Muslime in der psychosozialen Versorgung. In Referat für interkulturelle Angelegenheiten (Ed.), Muslime im Gesundheitswesen. Dokumentation der Fachtagung in Hannover am 15.November 2000 (pp. 22-25). Hannover.

Douallal, M., & Rüschoff, I. (1999). Ehen von Muslimen in Deutschland – Probleme, Hintergründe und Lösungsansätze. Al Islam. Zeitschrift von Muslimen in Deutschland , (1), 13-18.

Rüschoff, S. I. (1992). Zur Bedeutung des islamischen Religionsverständnisses für die psychiatrische Praxis. Psychiatrische Praxis, 19(2), 39-42.

Rüschoff, I. (1988b). Zur psychosozialen Versorgung der Muslime in der Bundesrepublik. Wege zum Menschen, 41, 323-330.

Rüschoff, S. I. (1988a). Islamische Aspekte der Biographie. Phänomenologische Anthropologie und Psychotherapie, 5, 96-103.