Herausforderungen der psychosozialen Versorgung von Muslimen – islamische Perspektiven

Am 14.02.2015 fand die 12. Arbeitstagung der Islamischen Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe e.V. im Haus der Jugend in Frankfurt/M. statt. Das Treffen stand unter dem Motto „Herausforderung der psychosozialen Versorgung von Muslimen – islamische Perspektiven“. Die Tagung war mit gut 100 Teilnehmern aus den Berufsgruppen der Psychologen, Psychiater, der Sozialarbeiter und -pädagogen, Erzieher sowie der Gruppe der ehrenamtlichen Seelsorger aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland gut besucht. Aus Platzgründen konnten viele weitere Interessierte nicht teilnehmen. Ziel war neben einer Vernetzung und der Frage nach Möglichkeiten der Zusammenarbeit über die Berufsgrenzen hinweg der Frage nachzugehen, was wir als muslimische Fachleute dazu beitragen können, der Versorgung der Muslime in diesem Bereich zu verbessern.

Die gegenwärtige Situation der Muslime „in der psychosozialen Versorgung“, Dr. Tarek Badawia

Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden machte der Erziehungswissenschaftler Dr. Tarek Badawia, Mainz, mit seinen Ausführungen über die Situation der Muslime deutlich, dass wir uns insbesondere auch als muslimische Fachleute aus Sozialberufen, gesellschaftspolitisch positionieren müssen. Seit Jahren werden Untersuchungen zur Situation der Muslime durchgeführt, die Grundlage politischer Entscheidungen sind, die wir als Fachleute kennen und auf die wir reagieren müssen. Wie sollen z.B. die Einrichtung von Gebetsmöglichkeiten in den Schulen begründet werden, wenn die Datenlage zeigt, dass den meisten Schülern dieses Thema gar nicht sonderlich wichtig ist. Auch erhält lt. Studienlage der überwiegende Teil der muslimischen Kinder und Jugendlichen keine religiöse Erziehung in den Familien. Daraus entstehen Schwierigkeiten in der Geschlechtergerechtigkeit, in den Schulen und im gesellschaftlichen Leben. Hinzu kommen Gewalterfahrungen im häuslichen Umfeld sowie die Tatsache, dass die meisten in Deutschland lebenden Muslime häufig benachteiligten sozialen Schichten angehören. Letztendlich entsteht dadurch eine erhöhte Vulnerabilität bei Menschen muslimischer Herkunft. Wie können wir auf diese Herausforderungen aus der Sicht unserer Fächer reagieren? Jeder von uns sollte sich bereits im Studium auf zwei bis drei wichtige Themen seines Fachs konzentrieren und diese wirklich beherrschen, zusätzlich auch aus islamischer Perspektive. Welche Hinweise gibt es in den Quellen des Islam, die meine erworbenen fachlichen Kenntnisse unterstützen oder erweitern? Wir sollten forschen und Fakten sammeln, eine professionelle Haltung entwickeln und religiöse Loyalität bewahren. Wir arbeiten in einem Bereich, in dem „die unangenehme Seite des Lebens“ unsere berufliche Aufgabe ist. Wir setzen uns mit den Problemen unserer Gemeinschaft auseinander und sollten die Probleme des Alltags mit konkreten Lösungsansätzen beantworten und keine Predigten halten.

Das islamische Menschenbild in Therapie, Beratung und Erziehung, Dr. Ibrahim Rüschoff

Unter der Devise „Altes entwickeln und Neues denken!“ setze sich der Psychiater und Psychotherapeut Dr. Ibrahim Rüschoff, Mainz, in seinem Vortrag „Das islamische Menschenbild in Therapie, Beratung und Erziehung“ mit dessen Bedeutung für das berufliche Handeln der Tagungsteilnehmer auseinander. Während Muslime in den Naturwissenschaften kaum Probleme damit haben, in ihrem beruflichen Handeln einem „methodischen Atheismus“ zu folgen, also Gott einmal außer Acht zu lassen und dennoch gute Muslime zu sein, so bestehen dagegen im Bereich der Psychiatrie und Psychologie erhebliche Vorbehalte und die Befürchtung, die „Landschaft“ (Patient) mit der „Landkarte“ (Therapiemethode und ihr Menschenbild) zu verwechseln, obwohl die Therapieergebnisse gar nicht sehr von der Methode oder gar der Religionszugehörigkeit des Therapeuten beeinflusst werden, sondern eher von der Qualität seiner Ausbildung und seiner Empathiefähigkeit, den Patienten in seinem Sosein anzunehmen. Im Bereich der Seelsorge und der Erziehungswissenschaft allerdings, insbesondere unter ihrem Aspekt als Handlungswissenschaft, gewinnen das islamische Menschenbild und die daraus abgeleiteten Erziehungsziele und Handlungsempfehlungen eine große Bedeutung und müssen vor dem Hintergrund der jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen immer wieder neu diskutiert werden.

Der Nachmittag stand im Zeichen der verschiedenen Berufsgruppen, die aus ihrer jeweiligen Sicht darüber diskutierten, wie eine Vernetzung gestaltet werden könnte und Wünsche an die anderen Berufsgruppen formulierten (z.B. Supervision, Aus- und Fortbildungen). Darüber hinaus wurden in einer Art „Zukunftswerkstatt“ relevante Themen für die zukünftige Arbeit gesammelt (z.B. Literaturdatenbank, Einrichtung regionaler Gruppen, Kontakt zu ähnlichen Vereinigungen im In- und Ausland). Die Ergebnisse wurden dann im Plenum zusammengetragen und diskutiert. Hierbei zeigte die Vielfalt der Tätigkeitsbereiche und Erfahrungen der Teilnehmer erfreulich, wie viele junge, engagierte und qualifizierte junge Schwestern und Brüder und in den letzten Jahren zu den psychosozialen Berufen gestoßen sind.

Hervorzuheben ist schließlich noch die herzliche Atmosphäre, in der sich die Tagungsteilnehmer begegneten. Der Flyer zur Fachtagung ist hier verfügbar. Ein Poster zum Kurs „Islamic Approaches to Psychology and Psychotherapy“, das während der Postersession am Nachmittag vorgestellt wurde, kann hier gedownloadet werden.