Arbeitsgruppe Islam und Psychologie

Welche Rolle spielen Religion und Spiritualität in Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie aus islamischer Sicht? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, wurden international zwei Ansätze erarbeitet: Zum einen werden moderne Theorien der wissenschaftlichen Psychologie reflektiert und es wird versucht, islamische Perspektiven auf die Konzepte, Theorien und Methoden der gegenwärtigen Psychologie zu entwerfen. Zum anderen versucht man aus der intellektuellen Tradition des Islams, d.h. den islamischen Quelltexten und Schriften muslimischer Gelehrter, indigene Konzepte, Theorien und Methoden über die menschliche Psychologie abzuleiten.

 

Das Ziel der im Februar 2015 gegründeten Islam und Psychologie Arbeitsgruppe ist es, englisch-, arabisch- und türkischsprachige Literatur zum Themenkomplex Islam und Psychologie systematisch aufzuarbeiten. Daraufhin sollen mit Hilfe von Methodologien der interdisziplinären Studien grundlagenwissenschaftliche und anwendungsorientierte Konzepte, Theorien und Methoden zur islamischen Psychologie (IP) und islamintegrierten Psychotherapie (IIP) in enger Zusammenarbeit mit der islamischen Theologie weiterentwickelt werden. Das langfristige Ziel besteht in der Findung von für den deutschsprachigen Raum angemessenen kritischen Position zur IP und IIP, die sich nicht notwendigerweise an den Entwicklungen der vergangenen 40 Jahre in Großbritannien und den Vereinigten Staaten orientiert.

Wir arbeiten in 4 Kerngebiete:

1) Übersetzung wichtiger Texte

Im Sinne der systematischen Aufarbeitung der existierenden Literatur sichten wir Arbeiten zur islamischen Psychologie. Soweit hat unsere Arbeitsgruppe in einem Sammelband die englischsprachige Literatur der letzten 40 Jahre zum Themenkomplex 'Islam und Psychologie' zusammengefasst und anhand von exemplarisch ausgewählten Artikeln näher beleuchtet (Rüschoff & Kaplick, Waxmann, 2018).

2) Grundlagen einer islamischen Psychologie (IP) und islamintegrierten Psychotherapie (IIP)

Auf Grundlage des Amsterdamer Modells der interdisziplinären Forschung (Menken & Keestra, AUP, 2016) und einem Übersichtsartikel unserer Arbeitsgruppe (Kaplick & Skinner, European Psychologist, 2017) haben wir eine vorläufige Forschungsmethodologie für grundlagenwissenschaftliche Untersuchungen in der IP konzipiert (Kaplick et al., Zygon, 2019). Dabei wurden sowohl die Parameter der Zusammenarbeit von Psychologen, islamischen Theologen und arabischen Sprachwissenschaftlern (persönliche Kollaboration) als auch die inhaltliche Zusammenführung verschiedener disziplinärer Konzepte, Theorien und Methoden (inhaltliche Kollaboration) angerissen. Wir konzentrieren uns dabei auf die Integration von Inhalten aus der Kognitionspsychologie und den kognitiven und verhaltensbezogenen Neurowissenschaften mit der islamischen Epistemologie, Ontologie, Kosmologie, Metaphysik und Ethik - einen Bereich, den wir islamisch kognitive Theorien nennen. Konkret beschäftigen wir uns momentan mit der Entwicklung eines kognitiven Erklärungsmodells der religiöser Erfahrungen.

 

Im Rahmen der Psychotherapie baut die Arbeitsgruppe auf den frühen Veröffentlichungen der Islamischen Arbeitsgemeinschaft für Sozial- und Erziehungsberufe zur kultur-, spirituell- und religionssensiblen Psychotherapie und zu Muslim Mental Health (MMH) auf (siehe Referenzen am Ende dieser Seite): Kürzlich erschien ein allgemeiner Überblick über die religiösen Ressourcen, die in der Psychotherapie mit Muslimen Verwendung finden können (Rüschoff, Spiritual Care, 2017) und ein Buchkapitel zur Integration islamischer Elemente in die Objektbeziehungstheorie (Rüschoff & Kaplick, Templeton Press, 2018). Ein weiteres Buchkapitel setzt sich mit einer spirituell integrierten Psychotherapie auseinander, die in der Traditionellen Islamintegrierten Psychotherapie (TIIP) verwurzelt ist (Keshavarzi et al., 2020). Des Weiteren setzt sich ein Projekt mit der Fragestellung auseinander, wie muslimische Therapeuten und Berater in Deutschland islamische Elemente in ihre Arbeit mit religiösen Patienten integrieren. Unser langfristiges Ziel ist die Entwicklung einer für den deutschsprachigen Raum angemessenen IIP.

3) Nationale und internationale Vernetzung muslimischer Psychologen

Für die Vernetzung von muslimischen Beratern, Psychotherapeuten und Psychiatern im deutschsprachigen Raum existiert seit Januar 2018 eine Whatsapp Gruppe, die mit 256 Teilnehmern voll besetzt ist (mit einer Warteliste von 20+ Personen). Diese Gruppe steht allen an der IP und IIP Interessierten mit entsprechendem Ausbildungshintergrund (auch im Studium bzw. Ausbildung) offen.

 

Um neben der Vernetzung muslimischer Psychologen in Deutschland Beziehungen zu wichtigen internationalen Akteuren in der IP zu gewinnen, wurden kürzlich die Vereinigungen in Großbritannien und Amerika (Kaplick & Rüschoff, Wege zum Menschen, 2018) und Indien (Kaplick, Spiritual Care, 2017) vorgestellt.

Nationale und Internationale Kooperationspartner

Ramsa Netzwerk für muslimische PsychologInnen

Ihsaan Serivce Bradford (Prof. Rasjid Skinner)

Khalil Center (Dr. Hooman Keshavarzi, Dr. Fahad Khan)

Stanford Muslims and Mental Health Laboratory (Prof. Dr. Rania Awaad)

The Al-Karam Institute (Prof. Dr. Carrie York Al-Karam)

Alif Institute (Abdullah Hasan)

Islamic Psychology Professional Association (IPPA) London (Nasima Khanom)

Indian council of Islamic perspective in psychology (Prof. Dr. Akbar Husain, Prof. Dr. Naved Iqbal)

Centre for Study and Research Hyderabad (Dr. Javed Zafar)

4) Literaturdatenbank

Während der Literatursichtung treffen wir ständig auf Texte aus Tagungs- und Sammelbänden aus den 70er und 80er Jahren oder auch auf in Moscheekellern vergrabene Bücher nur lokal bekannter Verlage. Dies führt dazu, dass viele Publikationen zur IP und IIP insbesondere im asiatischen Raum nicht in gängigen Suchmaschinen indiziert sind. Eine Aufgabe der Arbeitsgruppe ist daher die Entwicklung einer Literaturdatenbank, die die Literatursuche z.B. bei Bachelor- und Masterarbeiten erheblich erleichtert. Bisher beschränkt sich die aufgenommene Literatur auf englischsprachige und teilweise deutsche Arbeiten.

Seit der Gründung dieser Arbeitsgruppe in 2015 haben wir durch verschiedene Reisen nach Großbritannien und in den asiatischen Raum ca. 500 Veröffentlichungen zum Thema 'Islam und Psychologie' zusammengetragen. Als Vorläufer der Datenbank steht eine Liste dieser Arbeiten online zur Verfügung.

 

Unsere Publikationen

2020

 

Keshavarzi, H., Yusuf, A., Kaplick, P. M., Ahmadi, T., & Loucif, A. (2020). Spiritually (Ruhani) Focused Psychotherapy. In H. Keshavarzi, F. Khan, B. Ali, & R. Awaad (Eds.), Applying Islamic Principles to Clinical Mental Health Care: Introducing Traditional Islamically Integrated Psychotherapy. Routledge.

 

Rüschoff, I. (2020). Salafismus und psychische Störung. In N. Mönter, A. Heinz, & M. Utsch (Eds.), Religionssensible Psychotherapie und Psychiatrie: Basiswissen und Praxis-Erfahrungen (pp. 156-164). Stuttgart: Kohlhammer.

 

Rüschoff, I. (2020). Seelsorge, Therapie und Beratung – begriffliche und professionelle Differenzierungen. In T. Badawia, G. Erdem, & M. Abdallah (Eds.), Grundlagen muslimischer Seelsorge: Die muslimische Seele begreifen und versorgen (pp. 61-70). Wiesbaden: Springer VS.

 

Kaplick, P. M., Chaudhary, Y., Hasan, A., Yusuf, A., & Keshavarzi, H. (2020). Eine interdisziplinäre Orientierung für islamisch kognitive Theorien. In T. Badawia, G. Erdem, & M. Abdallah (Eds.), Grundlagen muslimischer Seelsorge: Die muslimische Seele begreifen und versorgen (pp. 107-126). Wiesbaden: Springer VS.

 

 

2019

 

Kaplick, P. M., Chaudhary, Y., Hasan, A., Yusuf, A., & Keshavarzi, H. (2019). An Interdisciplinary Framework for Islamic Cognitive Theories. Zygon®, 54(1), 66-85. doi:10.1111/zygo.12500

 

 

2018

 

Rüschoff, I., & Kaplick, P. M. (2018). Integrating Islamic Spirituality into Psychodynamic Therapy with Muslim Patients. In C. York Al-Karam (Ed.), Islamically-Integrated Psychotherapy - Processes and Outcomes with Muslim Clinicians. (pp. 127-151). Templeton Press.

 

Rüschoff, I. (2018). Vom Sinn des Dschinn. In E. Frick, I. Ohls, G. Stotz-Ingenlath, & M. Utsch (Eds.), Fallbuch Spiritualität in Psychotherapie und Psychiatrie (pp. 83-88). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

 

Öz, T., & Kaplick, P. M. (2018). Grundbegriffe eines islamischen Persönlichkeitsmodells: Linguistische, exegetisch-theologische und psychologische Perspektiven. In M. Khorchide & A. M. Karimi (Eds.), Jahrbuch für islamische Theologie und Religionspädagogik - Was ist der Mensch. (pp. 111-145). Münster: Kalam Verlag.

 

Rüschoff, I., & Kaplick, P. M. (2018). Islam und Psychologie. Aktuelle Konzepte in Theorie und Praxis. Münster: Waxmann.

 

Kaplick, P. M., & Rüschoff, I. (2018). Islam und Psychologie in Großbritannien, den USA und Deutschland: Gegenwart und Zukunft von institutionellen Strukturen muslimischer Psychologen. Wege zum Menschen, 70(1), 78-88. doi: 10.13109/weme.2018.70.1.78

 

 

2017

 

Kaplick, P. M. (2017). Zum Stand der islamischen Psychologie in Indien. Spiritual Care, 7(1), 101-103. doi: 10.1515/spircare-2017-0050

 

Kaplick, P. M., & Skinner, R. (2017). The evolving Islam and Psychology movement. European Psychologist, 22(4), 198-204. doi: 10.1027/1016-9040/a000297

 

Rüschoff, I. (2017). Religiöse Ressourcen in der Psychotherapie muslimischer Patienten. Spiritual Care, 6(1), 103-110. doi:10.1515/spircare-2016-0206

 

Kaplick, P. M. (2017). The Islamic Association of Social and Educational Professions in Germany. The American Journal of Islamic Social Sciences, 34(3), 149-151.

 

 

Vor Gründung der Arbeitsgruppe*

 

* Die folgenden Publikationen beschäftigen sich in erster Linie mit religionssensibler Psychotherapie und Muslim Mental Health (MMH).

 

Rüschoff, I. (2013b). Krankheitsvorstellungen von muslimischen Patienten in der Psychotherapie. In H. W. Hoefert & E. Brähler (Eds.), Krankheitsvorstellungen von Patienten. Herausforderung für Medizin und Psychotherapie (pp. 307-312). Lengerich: Pabst.

 

Rüschoff, S. I. (2013a). Seele und seelische Gesundheit im Islam. In J. Armbruster, P. Petersen, & K. Ratzke (Eds.), Spiritualität und seelische Gesundheit (pp. 153-161). Köln: Psychiatrie Verlag.

 

Rüschoff, I. (2011b). Die Befriedung des Selbst. In B. Ucar (Ed.), Islamische Religionspädagogik zwischen authentischer Selbstverortung und dialogischer Öffnung. Perspektiven aus der Wissenschaft und dem Schulalltag der Lehrkräfte. Reihe für Osnabrücker Islamstudien, Bd. 3 (pp. 47-56). Frankfurt: Peter Lang – Internationaler Verlag der Wissenschaften.

 

Rüschoff, I. (2011a). Psychisches Leiden und psychiatrische Behandlung von Menschen aus dem islamischen Kulturkreis. Kerbe. Forum für soziale Psychiatrie, 29(1), 11-12.

 

Rüschoff, I., & Laabdallaoui, M. (2011). Djinne, Zauber und „Böser Blick“ – Psychodynamik und Umgang mit traditionellen Krankheitsvorstellungen bei muslimischen Patienten. In T. Heise (Ed.), Integration, Identität, Gesundheit. Beiträge zum 5. Kongress des DTPPP in Klagenfurt. Das transkulturelle Psychoforum 19 (pp. 131-139). Berlin: VWB-Verlag für Wissenschaft und Bildung.

 

Laabdallaoui, M., & Rüschoff, S. I. (2010). Umgang mit muslimischen Patienten. Bonn: Psychiatrie Verlag.

 

Rüschoff, I. (2010). Psychische Erkrankungen und der Islam. In S. Ehm & M. Utsch (Eds.), Religiöse Krankheitsbewältigung. Zur Rolle von Christentum und Islam im Umgang mit psychischen Erkrankungen (pp. 7-14).

 

Laabdallaoui, M., & Rüschoff I. (2009). Ratgeber für Muslime bei psychischen und psychosozialen Krisen. Mössingen: Edition Bukhara.

 

Rüschoff, I. (2003). Islamische psychosoziale Beratungsarbeit – Ein Beitrag zur gesellschaftlichen Integration von Muslimen. In K. D. Hildemann & K. Hartmann (Eds.), Religion – Kirche – Islam. Eine soziale und diakonische Herausforderung(pp. 207-218). Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.

 

Rüschoff, I. (2000). Zwischen Caritas und Diakonie – Muslime in der psychosozialen Versorgung. In Referat für interkulturelle Angelegenheiten (Ed.), Muslime im Gesundheitswesen. Dokumentation der Fachtagung in Hannover am 15.November 2000 (pp. 22-25). Hannover.

 

Douallal, M., & Rüschoff, I. (1999). Ehen von Muslimen in Deutschland – Probleme, Hintergründe und Lösungsansätze. Al Islam. Zeitschrift von Muslimen in Deutschland , (1), 13-18.

 

Rüschoff, S. I. (1992). Zur Bedeutung des islamischen Religionsverständnisses für die psychiatrische Praxis. Psychiatrische Praxis, 19(2), 39-42.

 

Rüschoff, I. (1988b). Zur psychosozialen Versorgung der Muslime in der Bundesrepublik. Wege zum Menschen, 41, 323-330.

 

Rüschoff, S. I. (1988a). Islamische Aspekte der Biographie. Phänomenologische Anthropologie und Psychotherapie, 5, 96-103.